Das Klavier spielt keine Melodie mehr. Trotzdem zieht es alle Blicke auf sich. Wo früher Hämmer auf Saiten trafen, stehen heute Kaffeetassen, Gläser und eine Kaffeemaschine. Die Tasten liegen geschützt unter Glas, das Gehäuse leuchtet auf Wunsch in verschiedenen Farben. Aus einem ausrangierten Klavier ist in der Johanniter-Begegnungsstätte im Wohnpark am Spitzhaus in Radebeul eine fahrbare Klavierbar geworden – eingeweiht wurde sie stilecht beim Kaffeeklatsch.
Die Geschichte beginnt bereits im November 2022. Zur Eröffnung der Johanniter-Tagespflege erhielt die Einrichtung ein altes Klavier aus Leipzig geschenkt. Spielen ließ es sich schon damals nicht mehr. Dennoch sollte das Instrument für eine wohnliche Atmosphäre sorgen. Lange blieb es allerdings nicht bei dieser dekorativen Aufgabe. Denn schnell zeigte sich: Die Gäste der Tagespflege und auch die Bewohner der Johanniter-Begegnungsstätte singen gern. Immer wieder fanden sich Hobby-Pianisten, die Lieder begleiten oder einfach selbst ein paar Stücke spielen wollten. Der Wunsch nach einem funktionierenden Instrument wurde lauter. Die Entscheidung fiel schließlich auf ein transportables E-Piano. Es muss nicht gestimmt werden, lässt sich flexibel einsetzen und ist bei Veranstaltungen schnell aufgebaut.
Damit war das alte Klavier eigentlich ausgemustert. Im November 2025 trat es offiziell seinen Ruhestand an. Doch statt auf dem Sperrmüll zu landen, begann für das Gehäuse ein zweites Leben. Tischler Stefan Wagner aus Hartha, ehrenamtlich im Katastrophenschutz der Johanniter in Leisnig aktiv und bekannt für ungewöhnliche Holzprojekte, entwickelte die Idee einer Klavierbar. Er baute das Instrument komplett um, ohne seinen Charakter zu verlieren.
Heute schützt eine Glasscheibe die Klaviatur. In der Mitte des Gehäuses steht die Kaffeemaschine, dort, wo früher die Mechanik arbeitete. Regalböden aus Glas bieten Platz für Tassen, Kaffee und Zubehör. Auf der roten Rückseite steht der Satz: „Gemeinschaft schmeckt am besten, wenn sie nach Kaffee duftet.“ Genau darum geht es: Das ehemalige Musikinstrument ist jetzt Treffpunkt.
Dass die Idee funktioniert, zeigte sich gleich bei der Einweihung. Die Kaffeemaschine kam mit dem großen Andrang kaum hinterher. An Gesprächsstoff fehlte es trotzdem nicht – ebenso wenig wie an den mit Eierlikör gefüllten Schokobechern, die die Wartezeit versüßten. Die Klavierbar bleibt künftig in der Johanniter-Begegnungsstätte, die sich im Erdgeschoss des Wohnparks befindet. Leiterin Katrin Kutter organisiert dort seit der Eröffnung im November 2022 ein abwechslungsreiches Programm. Singkreise, Sportangebote, Spielenachmittage, Kaffeeklatsch, Tagesfahrten oder Modenschauen gehören zum festen Kalender. „Meine Veranstaltungen sind immer ausgebucht“, sagt sie nicht ohne Stolz. Gleichzeitig greift sie Ideen und Wünsche der Bewohner auf und entwickelt daraus neue Angebote.
Der Wohnpark am Spitzhaus umfasst 56 barrierefreie Mietwohnungen. Mit dem Servicevertrag erhalten die Bewohner nicht nur einen Hausnotruf, sondern können auch sämtliche Angebote der Begegnungsstätte nutzen. Diese bietet Platz für rund 25 Personen, verfügt über zwei ebenerdige Zugänge sowie ein barrierefreies WC und kann auch für private Feiern im kleinen Kreis gemietet werden. Ein weiterer Vorteil liegt direkt nebenan. Im Wohnpark sind neben der Begegnungsstätte auch der ambulante Pflegedienst und die Tagespflege der Johanniter untergebracht. Wer Unterstützung benötigt, findet sie ohne weite Wege. Und wer einfach Gesellschaft sucht, landet vielleicht an einem Klavier, das längst aufgehört hat, Musik zu machen – und gerade deshalb Menschen zusammenbringt.


