Radebeul. Ein Glas Sekt, ein Blick in die Manufaktur – und Besucher verstehen die Führung plötzlich in ihrer eigenen Sprache. Was nach Zukunftsmusik klingt, soll auf Schloss Wackerbarth ab Mai 2027 Wirklichkeit werden. Für diese Idee hat das Sächsische Staatsweingut jetzt einen europäischen Innovationspreis von UN Tourism gewonnen. Bei der erstmals veranstalteten „European Wine Tourism Innovation Challenge“ setzte sich Wackerbarth in der Kategorie „Barrierefreiheit: Weintourismus-Erlebnisse für alle“ durch. Mehr als 200 Bewerbungen aus 30 Ländern waren eingegangen. Eine elfköpfige internationale Jury aus Tourismusorganisationen, Ministerien, Hochschulen und Verbänden kürte drei Sieger. Die anderen Preise gingen nach Frankreich und Slowenien. Gesucht waren Konzepte, die Weinreisen nachhaltiger, spannender und zugänglicher machen.
Übersetzung live statt Audioguide von gestern
Das Herzstück der neuen Wein- und Sektführungen ist eine KI, die die Worte der Gästeführer live in zahlreiche Sprachen übersetzen soll. Besucher scannen dazu einfach einen QR-Code, wählen ihre Sprache und hören über eigene Kopfhörer mit. Wer lieber liest, verfolgt die Führung mit Live-Untertiteln auf dem Smartphone. Eine zusätzliche App braucht es nicht. Auch für Menschen mit eingeschränktem Hörvermögen ist die Technik gedacht: Der Ton soll sich direkt auf das eigene Hörgerät übertragen lassen. Der Clou: Niemand muss sich mit einem vorproduzierten Audioguide von der Gruppe abkoppeln. Alle gehen gemeinsam mit, erleben dasselbe und verstehen trotzdem in ihrer Sprache. Beim Datenschutz verspricht Wackerbarth, die gesetzlichen Vorgaben einzuhalten. Die Verarbeitung soll auf Servern innerhalb der EU stattfinden; gesprochene Inhalte sollen nicht dauerhaft gespeichert werden.
1,5 Millionen Euro für ein neues Erlebnis
Es bleibt nicht bei der Technik. Gemeinsam mit den Dresdner Agenturen queo und neongrau gestaltet das Weingut seine täglichen Touren drinnen und draußen neu. Bestehende Stationen werden inhaltlich und technisch aufgefrischt, neue Exponate kommen hinzu. Auch das Schaurebenfeld wird umgebaut: Statt vieler internationaler Sorten sollen künftig vor allem die Reben im Mittelpunkt stehen, die Sachsen und Schloss Wackerbarth prägen. Rund 1,5 Millionen Euro aus eigenen Mitteln investiert das Unternehmen. Losgehen soll es im Mai 2027, passend zum Jubiläumsjahr „300 Jahre Schloss Wackerbarth“. Damit will das Haus neue Besucher anlocken – und Stammgästen Gründe geben, noch einmal auf Entdeckungstour zu gehen. Geschäftsführer Andreas Stuhl nennt Wackerbarth ein „Weingut zum Anfassen“. Die täglichen Führungen seien das Herzstück, um Menschen für Wein und die Genusskultur des Elbtals zu begeistern. Die Auszeichnung sieht er deshalb auch als internationales Signal für die Weinregion Sachsen. UN-Tourism-Exekutivdirektorin Natalia Bayona betont ebenfalls, dass Weintourismus mehr sei als eine Verkostung: Es gehe darum, Kultur und Identität einer Region erlebbar zu machen.
Vom Vorreiter zum Publikumsmagneten
Seit 2002 verbindet Schloss Wackerbarth als Europas erstes Erlebnisweingut Wein- und Sekttradition mit Tourismus. Heute kommen jährlich mehr als 240.000 Menschen nach Radebeul. Laut „Global Wine Tourism Report 2025“ der Hochschule Geisenheim zählt der Betrieb damit zu den meistbesuchten Weingütern der Welt. Für die Studie wurden über 1.310 Weingüter in 47 Ländern befragt. Die preisgekrönte Übersetzung ist bisher noch ein Plan. Gelingt die Umsetzung, könnte die Idee auch für andere Weingüter und Sehenswürdigkeiten im Elbtal interessant werden. Denn guter Wein braucht vielleicht keine Übersetzung – eine gute Geschichte darüber manchmal schon.



