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Ich stehe im Flur von Martha Brolls Wohnung in Radebeul, als sie mir mit einem Lächeln die Tür öffnet. „Ich war gerade noch im Treppenhaus unterwegs“, sagt die 85-Jährige und lacht. Bewegung gehört für sie zum Alltag – auch heute noch. „Wenn ich sitzen bleibe, wird alles nur schlimmer.“
An diesem Vormittag ist auch Anna Jiraskova da. Sie arbeitet bei der Agentur für Haushaltshilfe am Standort Coswig-Radebeul. Ihr Mann Filip Jirasek, beide stammen aus Tschechien, ist Teamleiter in Coswig. Gemeinsam mit derzeit 16 Helferinnen und Helfern unterstützen sie Menschen im Alltag. Bundesweit beschäftigt die Agentur rund 9800 Mitarbeitende an etwa 1250 Standorten, davon 45 in Sachsen. Doch in Marthas Wohnzimmer geht es heute erst einmal um Erinnerungen. Die Seniorin holt ein Schwarz-weiß-Foto hervor. Darauf steht sie als junges Mädchen in sorbischer Tracht. „Das wollte ich unbedingt zeigen“, sagt sie und legt das Bild vorsichtig auf den Tisch. Ihr Vater war Sorbe, ihre Mutter stammt aus Radebeul. Solche Momente gehören hier genauso dazu wie der Haushalt – Zeit zum Erzählen, zum Schwatzen, zum gemeinsamen Lachen.
Martha Broll hat ihr Berufsleben bei der Bahn verbracht – und das merkt man sofort, wenn sie davon erzählt. „Ich habe das geliebt“, sagt sie. Gelernt hat sie einst bei Vadossi, 1972 ging sie zur Bahn. Dort machte sie sogar noch einen zweiten Facharbeiter im Bereich „Betrieb und Verkehr“. Erst arbeitete sie in Dresden, später in Radebeul. „Da musste ich wieder auf Schule, wegen dem Schriftlichen, und auf alle Dienststellen gehen“, erinnert sie sich.
Heute lebt Martha Broll allein. Drei Kinder hat sie – eine Tochter wohnt bei Aachen, zwei Söhne in Dresden und Radebeul. Der älteste Sohn hatte einen Schlaganfall. Sie telefonieren oft oder schauen vorbei, doch eine regelmäßige Unterstützung im Alltag entlastet die ganze Familie. Martha Broll hat Pflegegrad 2. „Eh ich von der Leiter falle, mache ich es so“, sagt sie pragmatisch. Anna Jiraskova hilft beim Einkaufen, begleitet zu Arztterminen oder zur Physiotherapie – manchmal auch nach Dresden-Klotzsche. Auch Putzen oder kleine Handgriffe im Haushalt gehören dazu. Dinge, die früher selbstverständlich waren, sind mit 85 nicht mehr so einfach. „Bücken geht nicht mehr richtig, auf die Leiter steige ich auch nicht mehr“, erzählt Martha. Das Knie macht Probleme, dazu kam eine Augen-OP. „So ist das eben im Alter.“
Doch wer glaubt, Martha Broll sitze still in ihrer Wohnung, irrt gewaltig. „Ich muss mich bewegen“, sagt sie entschlossen. Deshalb läuft sie regelmäßig im Treppenhaus die Stufen hoch und runter, spaziert bei schönem Wetter zum Park oder besucht ihre Nachbarin. Lange Zeit fuhr sie sogar regelmäßig mit der Straßenbahn nach Dresden. Dort besuchte sie einen ehemaligen „Bahner“ im Altenheim, der keine Angehörigen mehr hat. „Man muss doch nach den Leuten schauen“, sagt sie. Erst ein Unfall – sie wurde einmal in einer Straßenbahn eingeklemmt – machte sie vorsichtiger.
Ganz loslassen kann sie die Bahn trotzdem nicht. Dafür hängt ihr Herz zu sehr daran. „Ich habe ja noch meine Freifahrt“, sagt sie und zeigt stolz ihre 50-Kilometer-Karte. Die Unterstützung durch die Agentur für Haushaltshilfe ist für sie deshalb mehr als praktische Hilfe. Das Konzept richtet sich an Menschen mit mindestens Pflegegrad 1 und soll ihnen ermöglichen, möglichst lange selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden zu leben. Neben Coswig und Radebeul ist die Agentur auch in Moritzburg aktiv, weitere Standorte gibt es in Meißen, Großenhain, Radeberg und Dresden-Nord.
Im Mittelpunkt steht dabei nicht nur der saubere Boden. Es geht um Alltagsentlastung – gemeinsam kochen, Essen planen, Müll wegbringen, Formulare ausfüllen oder zu Terminen begleiten. Und manchmal eben auch darum, gemeinsam alte Fotos anzuschauen. Als ich mich verabschiede, steht Martha Broll schon wieder im Flur. „Ich geh jetzt noch eine Runde“, sagt sie.


