„Gerade sind 240 Kinder unterwegs, merkt man etwas davon?“ fragt Dariusz Wieczorek und blickt über das Gelände am Mittelteich in Moritzburg. Tatsächlich nicht. Kein Geschrei, kein Chaos, keine überfüllten Wege. Stattdessen Wald, Wasser, Vogelgezwitscher und zwischen den Baumkronen Kinder, die klettern, balancieren oder gerade ihren Mut zusammensuchen. Was viele nicht wissen: Der Hochseilgarten Moritzburg gehört heute zu den größten Kletter-Parks Deutschlands.
Seit 2017 haben Dariusz Wieczorek, Jan Tappert und Andreas Hiller die Anlage übernommen und neu aufgestellt. Was früher ein klassischer Kletterwald war, ist heute eine echte „Landschaft“ geworden. Das Wort passt. Auf 2,7 Hektar Fläche am See und mitten im Wald verteilen sich die Parcours. Wer alles klettern möchte, kommt auf rund 7,5 Stunden reine Kletterzeit. Zum Vergleich: Der Durchschnitt vieler deutscher Kletterwälder liegt bei etwa 1,5 bis 2 Stunden.
360 Sicherungshaken sind im Einsatz, dazu genauso viele Gurte. Geöffnet wird von Frühjahr bis in den Spätherbst. Gründonnerstag ist meistens Schluss mit den Vorbereitungen, das erste Novemberwochenende gehört oft noch zur Saison dazu. Dabei orientiert sich das Team nicht nur an den sächsischen Ferien. Auch die Brandenburger Ferien und im Herbst die Ferien in Bayern spielen eine Rolle. Viele Familien besuchen dann Verwandte in Sachsen und verbinden das mit einem Ausflug nach Moritzburg.
Kein Alibi-Klettern für Kinder
Besonders stolz ist Wieczorek auf das Konzept für die jüngsten Besucher. „Wir haben kein Alibi-Klettern für Kinder.“ Die beiden Kinder-Parcours sind die einzigen geschlossenen Bereiche der Anlage. Gleichzeitig dürfen sie natürlich auch von Erwachsenen genutzt werden. Eigentlich heißen sie Niedrigseil-Parcours, denn sie bewegen sich zwischen 1,5 und 2,5 Metern Höhe. Bereits Kinder ab einem Meter Körpergröße können hier starten. Entscheidend ist nicht das Alter, sondern die Griffhöhe zum Umhängen der Sicherungshaken. Insgesamt warten hier 34 Übungen. „Das ist super. Sich trauen, Eltern, die mit ihren Kindern agieren – wunderschön.“
Wer höher hinaus möchte, hat die Wahl zwischen den 3-, 4-, 5- und 10-Meter-Parcours. Der 3-Meter-Parcours bietet allein 47 Übungen an 15 Stationen. Ein Fahrrad hängt zwischen den Bäumen, dazu Baumstämme, Kletterwände, Seile, Rutschen, Abstiege und eine 12 Meter lange Strickleiter. Jeder entscheidet selbst, wohin er geht und welche Elemente er ausprobieren möchte. Der 4-Meter-Parcours gilt als besonders spaßig. Auf 21 Stationen warten zwei Seilbahnen und zahlreiche abwechslungsreiche Hindernisse. Der 5-Meter-Parcours ist dagegen der sportliche Teil der Anlage. „Da geht’s nicht um die Höhe, sondern wirklich um die Übungen“, sagt Wieczorek. Hier sind Kraft, Balance, Körperbeherrschung und Ausdauer gefragt. Die roten Querverbinder markieren die schwierigsten Elemente. Wer möchte, kann diese umgehen oder sich bewusst der Herausforderung stellen. „Ich kann selbst entscheiden, wo ich lang gehe.“
Einzigartiger Freefall zwischen Berlin und Prag
Das Herzstück der Anlage befindet sich zehn Meter über dem Boden. Der 10-Meter-Parcours umfasst 37 Stationen, eine spektakuläre Hängebrücke und den wohl bekanntesten Adrenalinkick des Geländes: den Freefall. Ein echter freier Fall aus 13 Metern Höhe. „Das ist der einzige zwischen Berlin und Prag.“ Während Besucher bei vielen anderen Anlagen langsam abgelassen werden, funktioniert das System in Moritzburg anders. Nach dem Absprung fällt man zunächst rund acht Meter nahezu frei in die Tiefe. Erst danach setzt die Bremswirkung ein. Gesichert wird dabei an einem acht Millimeter dünnen Teflonseil. „Kein Ruck“, erklärt Wieczorek. „Das bremst nur über Luftwiderstand und Umdrehungsgeschwindigkeit.“ Viele vergleichen das Gefühl mit Bungee-Jumping.
Bei aller Action spielt Sicherheit eine zentrale Rolle. Zwischen 40 und 45 freiberufliche Trainer sind abwechselnd auf dem Gelände im Einsatz. Der Großteil von ihnen arbeitet als ausgebildeter Höhenretter. Alle Mitarbeiter beobachten die Parcours permanent. Rettungseinsätze werden regelmäßig trainiert. „Wir haben 15 Minuten Zeit, einen Gast zu retten, wenn er im Gurt hängen sollte. Wir schaffen das in fünf Minuten.“
Die längste Seilbahn weit und breit
Ein weiteres Highlight ist die große Seilbahn-Tour. Insgesamt 400 Meter Strecke führen durch die Bäume. Besucher durchlaufen dabei zwölf Stationen, überqueren drei Hängebrücken und fahren auf neun Seilbahnen. Die längste einzelne Seilbahn misst dabei 100 Meter. „Hat sonst keiner.“ Allein diese Fahrt in 13 Meter Höhe dauert 20 bis 25 Minuten.
Der Hochseilgarten ist längst nicht mehr nur ein Ausflugsziel für Familien. Polizei und Feuerwehr nutzen die Anlage regelmäßig für Teamtrainings. Mal geht es ums Klettern, mal um Floßbau oder gemeinsame Aufgaben, die nur als Team gelöst werden können. Auch Wettkämpfe gab es bereits. Feuerwehren traten gegeneinander an und versuchten beispielsweise, möglichst viele Kameraden auf einem Floß unterzubringen. Die Moritzburger Feuerwehr nutzt das Gelände zudem für Höhenübungen oder zum Test ihrer Einsatzjacken mit integrierten Gurtsystemen. Auch Großveranstaltungen sind keine Seltenheit. So feierte die Volkssolidarität ihr 80-jähriges Jubiläum mit rund 1.200 Mitarbeitern auf dem Gelände. Dazu kommen Schulklassen, Klassenfahrten und Vereine. Ein fester Termin ist beispielsweise der Kindertagsausflug der kompletten Questenberg-Grundschule aus Meißen.
Märchen, Bogathlon und Bierkisten-Wahnsinn
Abseits der Parcours gibt es zahlreiche ungewöhnliche Angebote. Die Märchen-Rallye orientiert sich an „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Beim Bogathlon müssen Teilnehmer zunächst rund 100 Meter laufen und anschließend mit Pfeil und Bogen auf Klappziele schießen. Wer daneben trifft, dreht Strafrunden. „Ein Riesengaudi“, sagt Wieczorek. „Das machen auch Erwachsene.“ Besonders beliebt ist das Bierkistenklettern. Beim vertikalen Stapeln liegt der Rekord bei 31 Kisten. Theoretisch wären etwa 38 möglich. Noch verrückter ist die horizontale Variante zwischen zwei Bäumen. Hier muss immer wieder eine weitere Kiste eingesetzt werden, während andere Teilnehmer die Konstruktion sichern. Den Rekord hält eine Dresdner Männerrunde mit 86 Kisten. Wer länger bleiben möchte, kann das direkt vor Ort tun. Für Wanderreiter gibt es einen eigenen Pferde-Rastplatz. Übernachten können Gäste in zwei Schäferwagen oder in vier Wohnwagen. Außerdem wird das Gelände regelmäßig für Hochzeiten, Geburtstage, Schuleingänge oder Jugendweihen genutzt.
Früher fanden deutlich mehr Konzerte statt. „Fast jeden Monat.“ Inzwischen hat das Team die Zahl reduziert. Der Grund ist pragmatisch: Der Kletterwald wird sieben Tage pro Woche genutzt. Der ständige Auf- und Abbau der Bühnen wurde irgendwann zu aufwendig. Heute gibt es noch etwa zwei größere Konzerte pro Jahr. Dafür werden andere Veranstaltungen ausgebaut – beispielsweise Märchenpicknicks mit Gauklern und Erzählern. Der Strand am Mittelteich kann genutzt werden, das Wasser fällt für Kinder besonders flach ab. Grillplätze stehen ebenfalls zur Verfügung. Viele Familien verbringen deshalb den gesamten Tag auf dem Gelände, ohne überhaupt einen Klettergurt anzulegen.
Regional bis zum Brötchen
Im Imbiss setzen die Betreiber konsequent auf regionale Produkte. Die Brötchen kommen von den Bäckereien Münch und Liebscher. Die Forellen liefert die Teichwirtschaft Moritzburg. Der Kaffee stammt aus einer Dresdner Rösterei. Wein kommt vom Rothen Gut, das Bier von Kötzsch aus Radebeul. Das Eis wird in Heidenau hergestellt. Fleisch liefert Dirk Klotsche aus Radeburg. Selbst die Limonaden kommen aus dem Zittauer Gebirge. „Das macht es vielleicht ein klein bisschen teurer. Aber das Geld bleibt hier und es ist einfach besser.“ Man muss also nicht einmal selbst in die Bäume steigen. Schon das Zuschauen, Baden, Grillen oder Verweilen am See macht den Besuch zu einem Erlebnis. Hier geht es nicht nur um Höhe. Es geht um Mut, Gemeinschaft und das gute Gefühl, etwas Tolles gemacht zu haben.
www.Hochseilgarten-Moritzburg.de
Tel.: 0176 844 51 041



