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Wer heute durch den alten Ortskern von Coswig läuft, ahnt nicht, dass hier einst einer der bedeutendsten Fotografen seiner Zeit lebte. Otto Erhardt war um 1900 international bekannt, seine Arbeiten wurden ausgezeichnet, in Fachzeitschriften veröffentlicht und bis in die USA wahrgenommen. Heute erinnert in seiner Heimatstadt kaum noch etwas an ihn.
Mit einem Stapel Kopien historischer Fotografien unter dem Arm steht Annabell Rink vor der Alten Kirche in Coswig. Die Museumspädagogin der Karrasburg hat Otto Erhardt in den vergangenen Monaten selbst neu entdeckt. Für das 30-jährige Jubiläum des Museums kuratiert sie nun die Ausstellung „Ins Licht gerückt – Der Coswiger Otto Erhardt“. Eine Ausstellung, die gleichzeitig eine Wiederentdeckung ist. Unser Rundgang beginnt an einem Ort, den Erhardt immer wieder fotografierte. Die Alte Kirche von Coswig wirkt heute fast versteckt hinter Bäumen und Wohnhäusern. Erst im 19. Jahrhundert entstand die größere neue Kirche, weil das alte Gotteshaus den Coswigern zu klein geworden war. Im Sommer wird die Kirche wieder für Besucher geöffnet, Konzerte und Veranstaltungen ziehen dann Menschen in das historische Gemäuer.
Für Otto Erhardt war die Kirche weit mehr als ein Bauwerk. Er fotografierte sie von außen und innen, hielt den Friedhof fest und schuf Bilder, die weit über reine Dokumentation hinausgehen. Einige davon werden in der Ausstellung zu sehen sein. Besonders faszinierte ihn offenbar das Wappen der Familie von Karras über dem Eingang. Die Jahreszahl darauf gibt bis heute Rätsel auf. Auf den ersten Blick liest man 1897. Schaut man genauer hin, erkennt man eine halbe Acht – vermutlich eine Vier. Eigentlich müsste dort also 1497 stehen. Warum das Wappen so gestaltet wurde, weiß bis heute niemand. Hinter der Kirche erhebt sich die Karrasburg. Hier begann die neue Spurensuche nach Erhardt überhaupt. Als Annabell Rink im vergangenen Jahr ihre Arbeit in der Karrasburg aufnahm, wollte sie zunächst herausfinden, welche Ausstellung 1996 zur Museumseröffnung gezeigt wurde. Die Antwort führte direkt zu Otto Erhardt.
Je tiefer sie in die Archive eintauchte, desto größer wurde die Überraschung. Denn Erhardt war weit mehr als der Fotograf der Alten Kirche. Der Zeichenlehrer lebte über 40 Jahre in Coswig und wohnte bis zu seinem Tod 1942 in der Alten Schule. Genau dorthin führt unser Weg als Nächstes.
Vor dem Gebäude bleibt Rink stehen. Nichts erinnert hier an den Mann, der einst Fotografen, Maler und Kulturschaffende aus Dresden empfing. In der Alten Schule entwickelte Erhardt seine Bilder, verwandelte zunächst sogar die heimische Küche in eine Dunkelkammer. Später stand ihm als Schulleiter ein eigener Raum zur Verfügung. Hier traf er Künstler wie Hugo Erfurth, der später Käthe Kollwitz porträtierte, oder Mitglieder der Dresdner Kunstszene. Noch heute lassen sich viele Motive auf seinen Fotografien wiedererkennen. Die Höfe, Gärten und Wege des alten Coswig sind erstaunlich lebendig geblieben. Auf manchen Bildern zieht Erhardt mit einer Kinderschar durch den Ort. Auf anderen sitzen drei Jungen auf der Straße und spielen Murmeln. Dann wieder zeigt er Landschaften zwischen Coswig, Radebeul und Moritzburg, die eher an Gemälde von Caspar David Friedrich erinnern als an Fotografien.
Möglich machte das eine Technik, die Erhardt meisterhaft beherrschte: den Gummidruck. Ab 1895 experimentierte er damit, bereits 1899 wurden seine ersten Arbeiten ausgezeichnet. Seine Bilder wirkten wie gezeichnet oder gemalt, voller feiner Lichtstimmungen und atmosphärischer Tiefe. Fachzeitschriften veröffentlichten seine Arbeiten, er gab Kurse und entwickelte sich zu einem der international anerkanntesten Amateurfotografen seiner Zeit. Seine Kontakte reichten bis nach Frankreich und in die USA.
Umso erstaunlicher ist, wie vollständig sein Name aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden ist. Besonders deutlich wurde das bei einer anderen Recherche. Lange Zeit wusste niemand mehr, wo Otto Erhardt eigentlich begraben wurde. Selbst in Coswig war das unbekannt. Erst jetzt konnte die Frage geklärt werden. Tatsächlich wurde der Fotograf auf dem Coswiger Friedhof bestattet. Sein Grab existiert jedoch nicht mehr. Es wurde nach Ablauf der Ruhezeit neu vergeben. Offenbar bemerkte damals niemand, welche Persönlichkeit hier ihre letzte Ruhestätte hatte. Seine Frau wurde an einem anderen Ort beerdigt, die Kinder waren längst weggezogen. „Das hat uns wirklich erschreckt“, sagt Annabell Rink. Gemeinsam mit der Friedhofsverwaltung soll nun wenigstens eine Erinnerungsplakette entstehen.
Denn Otto Erhardt hinterließ mehr als 400 Werke allein in den Beständen der Karrasburg. Viele weitere befinden sich heute im Kupferstich-Kabinett Dresden, in den Technischen Sammlungen Dresden oder in Berlin. Erst kürzlich meldete sich erneut ein Nachfahre mit bisher unbekannten Arbeiten.
Ab dem 29. August kehrt Otto Erhardt nun dorthin zurück, wo alles begann. Mit der Sonderausstellung „Ins Licht gerückt – Der Coswiger Otto Erhardt“ holt die Karrasburg einen Künstler aus dem Schatten der Geschichte zurück. Einen Mann, dessen Bilder um die Welt gingen – und den seine Heimat beinahe vergessen hätte.


