Radebeul ist sich offenbar einig: Die Villa Kolbe ist in guten Händen. Wie anders ist es sonst zu erklären, dass René Kuhnt nicht nur die unglaublichsten Geschichten erzählt bekommt, sondern auch manchen entscheidenden Tipp? So wie von einem älteren Herrn aus Radebeul-Ost, der ihn beiseitenahm. Der Bauherr solle auf seinem Grundstück beide Augen offen halten. Irgendwo müsse noch das große Sonnenrad vom Vordach des Haupteingangs an der Zinzendorfstraße versteckt sein.
Kurz bevor die Russen kamen, seien die goldenen Kugeln, Verzierungen und das Sonnenrad schnell abgebaut oder versteckt worden. Das gut 30 Kilogramm schwere, güldene Rad müsse noch irgendwo auf dem Gelände liegen. In der Eile habe es das Grundstück bestimmt nicht verlassen. René Kuhnt macht sich auf die Suche im Untergrund. Nicht im Haus, sondern im hinteren Teil des Parks, wo alte Sickergruben liegen. Mit einer langen Stange stochert er hier und da – und dann die Sensation: Eingewickelt in alte Tücher und verborgen unter den Schlammschichten der vergangenen Jahrzehnte liegt die „Goldene Sonne“ von Radebeul.
Vom Schlamm befreit, zeigt sich im Inneren das typisch keltisch anmutende Sonnenrad. Keltischen Ursprungs ist es natürlich nicht. In jener Epoche gehörten historisierende, prachtvolle Verzierungen zum architektonischen Selbstverständnis. Runde Zierelemente, Rosetten, Ziergiebel und dekorative Verankerungen im Mauerwerk dienten als Repräsentationssymbole der Industriellen-Epoche.
Die Dresdner Firma Ehnert wird das Sonnenrad restaurieren und neu vergolden, bevor es wieder das Vordach zieren kann. Dass es genau dort hingehört, beweist ein verblichenes Foto. Es zeigt die früheren Bewohner, die Kohlmanns, vor der Villa – und über ihnen das Sonnenrad auf dem Dach. Inzwischen ist das Dach noch goldener geworden. Drei Kronen sind wieder aufgesetzt. Sie wurden nach historischem Vorbild neu angefertigt, denn die Originale blieben verschwunden. Goldanker an der Fassade, Kugeln und Kronen auf dem Dach: Dieses Dach ist eine eigene architektonische Landschaft. Kein Wunder, dass es fast ein Jahr dauert, bis es wiederhergestellt ist. Im Gegenteil: Es ist ein Wunder, dass das überhaupt jemand fertigbringt.
Nach dem Kamin-Gitterrost aus einem Garten, unzähligen kleinen Zeilen, alten Fotos und Bildern ist das Sonnenrad der bislang größte Fund eines Gegenstandes, der zur alten Villa gehört. Ob René Kuhnt noch mehr entdeckt? Wer weiß. Im Zimmer des Herrn, hinter dem Schreibtisch, ist eine große Schranknische in die Wand eingelassen. Noch ist sie zugemauert. Was sich dahinter verbirgt? „Wir werden sehen – es bleibt spannend“, sagt Kuhnt und strahlt.
Bis Ende des Jahres muss er noch die Terrasse erneuern. Das Denkmalamt hat eine Frist gesetzt und gibt ein wenig Förderung dazu. Was andere hektisch machen würde, entlockt Kuhnt nur ein Schulterzucken. „Das müssen wir hinbekommen“, meint er. Dass er dafür zunächst sogenannte Reichsziegel, auch Ziegel im Reichsformat, besorgen musste, war kein Problem. Die historischen Mauerziegel wurden 1872 in Deutschland auf 25 mal 12 mal 6,5 Zentimeter genormt. Seine in Denkmalsbauten erfahrenen Gewerke sind auf jede Überraschung gefasst.



