Moritzburg. Am 7. Dezember soll es losgehen – doch die Eigentümer der Felder haben bislang nichts in der Hand. Pächter Denis Thomas, Chef der Agrargenossenschaft Radeburg, hat auch noch nichts Schriftliches. Nur die mündliche Ankündigung. Das dürfte wohl die wichtigste Notiz des Abends sein, um die sich SIB-Niederlassungsleiter Jörg Scholich nun kümmern wird. Schließlich muss der Agrar-Chef Bagger und Dumper mieten, Flächen kalkulieren – und ist faktisch schon in Vorleistung gegangen, indem er die Felder in Erwartung des Schlamm-Auftrags nicht bestellt hat.
Das Rote Haus am Dippelsdorfer Teich war wie erwartet zu klein für die Einwohnerrunde mit dem Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB), moderiert von Dr. Sven Eppinger. Der Dippelsdorfer Teich ist hier Herzenssache und für viele, wie Teichwirt Henry Lindner, Lebensgrundlage. Die Entschlammung ist für ihn die letzte Chance, dort überhaupt noch Fischzucht betreiben zu können.
Die Entschlammung kommt gut 20 Jahre zu spät. Zuletzt wurde der Teich in den 1970er-Jahren geräumt, und man sagt, alle 30 Jahre müsste so ein Teich entschlammt werden. Zehn Jahre lang wurde hinter den Kulissen geschoben und gedrückt. Dann sollte es endlich losgehen – es kam Corona, dann die Haushaltssperre. Und jetzt geht es tatsächlich los.
Der ursprüngliche Teich wird nicht zurückkommen
Die Erleichterung darüber ist so groß, dass die nüchternen Zahlen schon fast keine Rolle mehr spielen. Dabei erzählen sie eine ziemlich ernüchternde Geschichte. Die Wasserfläche des Dippelsdorfer Teichs ist über die Jahrzehnte dramatisch geschrumpft. Die Hoffnung, es könnte wieder der ursprüngliche Dippelsdorfer Teich entstehen, darf getrost sterben. Denn wer die geplanten Schlammmengen mit der Fläche des Gewässers verrechnet, merkt schnell: Eine durchgehende Vertiefung der gesamten Wasserfläche ist damit nicht zu schaffen. Das ist allerdings auch gar nicht vorgesehen.
Unter der Hand war zu hören: „Dann bleibt der Rest eben drin.“ Das mag etwas rigoros klingen, deckt sich aber mit der Erklärung, man werde natürlich nicht den ganzen Teich „ausbaggern“. Der Schilfgürtel soll schmaler werden, zwischen den Inseln sollen Schilfgassen entstehen, damit der schon fast verlandete Teil nicht abgehängt bleibt und das Wasser wieder gleichmäßiger durchläuft. Teichwirt Henry Lindner hat da längst ganz lebenspraktische Vorstellungen, welche Bereiche besonders wichtig wären. Hoffentlich wird das erhört. Denn kaum jemand kennt die Probleme dieses Gewässers so unmittelbar wie der Mann, der hier Fische züchten muss.
Der Damm ist für Radebeul wichtig
Dass die Teich-Entschlammung keine Maßnahme „irgendwo auf dem Dorf“ ist, war an diesem Abend ebenfalls schnell klar. Der Damm muss dringend ertüchtigt, sprich mit einer neuen Spundwand gesichert werden. Denn der ist jetzt schon angeschlagen. Im Falle eines Starkregens oder gar Hochwassers könnte die ganze Brühe bis nach Radebeul in den Lößnitzgrund gelangen.
Von dort kamen auch etliche Anwohner, die bereits von pechschwarzem Schlamm berichten. Was oben am Dippelsdorfer Teich geschieht, hat also auch ganz praktische Folgen für die Menschen weiter unten im Tal. Hier soll ein richtiges ingenieurtechnisches Bauwerk entstehen. Und das ist dringend nötig. Es geht eben nicht nur darum, Schlamm aus einem Teich zu holen, sondern auch darum, den Wasserabfluss künftig sicher zu beherrschen.
Und was wird aus Eisvogel, Fischotter und Biber?
Natürlich bleibt solch ein Eingriff, der so lange überfällig war, nicht ohne Folgen. Wenn das bisherige Ablaufbauwerk verschwindet – was wird aus den Brutstätten für Eisvogel und Uferschwalbe? Was aus dem streng geschützten Fischotter, dem Biber? Wie viele Bäume müssen gefällt werden?
Solche Fragen wird die Umweltbegleitplanung beantworten müssen. Denn so notwendig die Entschlammung ist, der Teich bleibt zugleich ein wertvoller Lebensraum. Übrigens: Die Teichmuscheln wurden bereits eingesammelt und in den Frauenteich umgesetzt. Auch das gehört zu einer Baustelle, die eben nicht einfach nur eine Baustelle ist.
Straße gesperrt, Radfahren unbedingt lassen
Anwohner, Gäste und Pendler werden die Baustelle am größten Teich der Gemeinde Moritzburg zu spüren bekommen. Sicher nicht unbedingt durch Lärm, sondern vor allem durch die Verkehrsführung.
Die Straße zwischen Moritzburg und Dippelsdorf soll während der Arbeiten zeitweise gesperrt und nach der vorgestellten Planung nur an Wochenenden geöffnet werden. Mit dem Fahrrad sollte man diesen Bereich auf keinen Fall als Ausweichroute nutzen. Die Unfallgefahr durch die großen Baufahrzeuge ist einfach zu hoch. Etliche Kubikmeter Material müssen außerdem über die Bahngleise transportiert werden. Auch das ist logistisch eine Herausforderung, bei der alles passen muss.
Inzwischen ist auch die Kampfmittelabfrage gelaufen. Dabei gab es keine entsprechenden Hinweise. Schließlich wurde der Teich bereits früher geräumt. Und was beim Ausbaggern an Fremdkörpern oder auffälligen Funden zum Vorschein kommt, landet natürlich nicht auf den Feldern. Bleibt zu hoffen, dass nun nicht ausgerechnet die fehlenden schriftlichen Zusagen für die Flächeneigentümer zum Problem werden. Denn während die Planung für die große Schlammkur steht, müssen diejenigen, die den Schlamm am Ende aufnehmen sollen, ganz praktisch rechnen und investieren können.
Der Fakten-Ticker zur Entschlammung
Termine und Vorgeschichte
- Baubeginn: 7. Dezember 2026, Kalenderwoche 50
- Geplantes Bauende: 31. März 2027
- Wiederanstauen: ab Kalenderwoche 12/2027, also ab 22. März, vorgegeben
- Letzte Entschlammung: in den 1970er-Jahren
- Üblicher Rhythmus: etwa alle 30 Jahre, so die genannte Faustregel
- Verzögerung: rund 20 Jahre überfällig, etwa zehn Jahre Bemühungen hinter den Kulissen
Teichfläche und Schlammmengen
- 1966: 87 Hektar Teichfläche nach den genannten historischen Angaben
- 2024: noch 38 Hektar Wasserfläche
- Geodatenkarten: 48 Hektar Gewässerfläche
- Schlamm vorentwässern und konditionieren: ca. 70.000 Kubikmeter
- Schlamm im Teich transportieren und bereitstellen: ca. 50.000 Kubikmeter
- Aushub der Schilfgassen: ca. 9.000 Kubikmeter
- Entschilfung der Uferbereiche: ca. 11.500 Quadratmeter
- Gewässersohle profilieren: ca. 390.000 Quadratmeter, entsprechend 39 Hektar
Baustelleninfrastruktur
- Baustraße aus Mineralgemisch auf Vlies: ca. 5.500 Quadratmeter
- Baustraße aus Straßenplatten: ca. 900 Quadratmeter
- Naturschutz: rund 1.000 Teichmuscheln wurden bereits in den Frauenteich umgesetzt
- Kampfmittelabfrage: keine Hinweise gemeldet
- Verkehr: zeitweise Straßensperrung, Öffnung an Wochenenden laut vorgestellter Planung; wegen des Baustellenverkehrs ist besondere Vorsicht geboten
Die Schlammrechnung: Wie viel wird tatsächlich ausgebaggert?
Die angekündigte Vertiefung um 60 Zentimeter lässt sich nur dann auf die Gesamtfläche hochrechnen, wenn tatsächlich überall gleich tief ausgebaggert würde.
- Bei 48 Hektar: 480.000 m² × 0,60 m = 288.000 Kubikmeter
- Bei 38 Hektar: 380.000 m² × 0,60 m = 228.000 Kubikmeter
- Bei 39 Hektar: 390.000 m² × 0,60 m = 234.000 Kubikmeter
Damit wäre die rechnerische Schlammmenge bei einer flächendeckenden Vertiefung deutlich größer als die ausgeschriebenen Mengen. Wichtig ist allerdings: Die 390.000 Quadratmeter Gewässersohle sollen profiliert werden. Das bedeutet nicht automatisch, dass auf dieser gesamten Fläche 60 Zentimeter Material entnommen werden. Ebenso sind die 70.000 Kubikmeter zur Vorentwässerung und die 50.000 Kubikmeter zum Transport innerhalb des Teichs getrennte Leistungspositionen – nicht zwingend die Schlammmengen vor und nach dem Entwässern.
Fazit der Rechnung: Eine gleichmäßige Vertiefung des gesamten Teichs um 60 Zentimeter ist durch die genannten Mengen nicht abgedeckt. Die Maßnahmen konzentrieren sich offenbar auf bestimmte Bereiche, Schilfgassen und die Profilierung der Gewässersohle.



