Ali, Maria Haberjahn, Lucy und Elina sind diesen Nachmittag im "Stadtkind". Foto © BranczeiszAli, Maria Haberjahn, Lucy und Elina sind diesen Nachmittag im "Stadtkind". Foto © Branczeisz

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„Manchmal braucht es nur wenige Kilometer, um eine Stadt ganz anders wahrzunehmen“, sagt Maria Haberjahn. Während sie in Radebeul-West lebt, verbringt sie ihre Arbeitstage in Radebeul-Ost. „Hier, zwischen Lößnitzgrundbahn, Kulturbahnhof und Pestalozzistraße, erlebe ich einen Stadtteil, der für mich etwas städtischer, lebendiger und nahbarer wirkt.“

Die Sozialpädagogin leitet das „Stadtkind“, die offene Kinder- und Jugendarbeit in Radebeul-Ost. Doch bevor es um ihre Arbeit geht, spricht sie über das Lebensgefühl im Stadtteil. „Ich mag die kleinen Läden, die Menschen auf den Terrassen am Kulturbahnhof, das Kommen und Gehen rund um den Bahnhof. Man kann sich schnell etwas im Supermarkt holen, kurz verweilen, Bekannte treffen oder einfach das Leben beobachten.“

Wenige Gehminuten vom Bahnhof Radebeul-Ost entfernt, versteckt hinter den Gleisen an der Pestalozzistraße, befindet sich das „Stadtkind“. Wer den Ort zum ersten Mal besucht, entdeckt eine kleine grüne Oase inmitten dichter Bebauung. Für Maria Haberjahn passt das gut zur Idee der Einrichtung. „Wir wollen kein Ort sein, der Aufmerksamkeit um jeden Preis sucht. Wir wollen ein Ort sein, an dem junge Menschen ihren Platz finden.“

Das „Stadtkind“ für Radebeul-Ost, der „Ratsi“ für West und das „Weiße Haus“ für Mitte. „Für uns war das gar nicht so einfach“, erinnert sich Haberjahn. „Gerade hier in Radebeul-Ost ist vieles dicht bebaut. Einen geeigneten Ort für offene Jugendarbeit zu finden, war eine echte Herausforderung.“

Heute stehen dem Projekt rund 1.500 Quadratmeter Freifläche zur Verfügung. Herzstück ist ein geräumiger Zirkuswagen mit Küche und Kreativecke. Draußen gibt es Platz zum Spielen, Gärtnern, Entdecken und Zusammensein. „Die Stadtkinder dürfen sich hier ausprobieren, eigene Ideen umsetzen, draußen sein, Naturerfahrungen machen, spielen, sich treffen und einfach nur zusammen abhängen“, beschreibt Haberjahn den Alltag. „Manchmal wird gekocht, manchmal gebastelt, manchmal einfach nur geredet. Alles hat seinen Platz.“

Besonders wichtig ist ihr die Arbeit mit den „Lücke-Kindern“. Gemeint sind Kinder, die nach der vierten Klasse aus der Hortbetreuung herausfallen. „Sie sind oft noch zu jung, um komplett auf sich allein gestellt zu sein, gleichzeitig passen viele bestehende Angebote nicht mehr zu ihrer Lebenssituation“, erklärt sie. „Genau für diese Altersgruppe wollen wir da sein. Hier ist immer jemand ansprechbar, hier finden sie einen geschützten Raum.“

Ab 13 Uhr kommen die ersten Besucher auf das Gelände. Viele nutzen die Zeit nach der Schule, bevor sie nach Hause gehen. Das Angebot ist bewusst niedrigschwellig und kostenlos. „Wir sind eigentlich ein Naturangebot und haben lange versucht, auf digitale Angebote zu verzichten. Das haben wir nicht durchgehalten“, erzählt Maria. „Deshalb bauen wir gerade einen Container um, in dem künftig auch Playstation gespielt werden kann. Natürlich nicht den ganzen Tag, sondern in festen Zeitfenstern. Medien gehören zur Lebenswelt junger Menschen dazu. Selbst die Stadtbibliothek hat inzwischen einen Gaming-Raum.“

Gleichzeitig sucht das Stadtkind Menschen, die ihr Wissen und ihre Fähigkeiten ehrenamtlich weitergeben möchten. „Wir freuen uns über jeden, der Lust hat, etwas mit jungen Menschen zu machen“, sagt Haberjahn. „Handwerkliches, Kreatives oder etwas ganz anderes. Ein Steinmetz unterstützt uns bereits. Außerdem arbeiten wir eng mit Schulen, dem Kulturbahnhof und den Kirchgemeinden zusammen.“

Ein besonderer Höhepunkt ist jedes Jahr das Nachbarschaftsfest „Wilde Brise“. „Der Name verrät eigentlich schon, wie es hier zugeht“, sagt sie schmunzelnd. „Eine Brise eben. Ganz so wild kann man in Radebeul-Ost nicht sein.“

Gerade die gute Nachbarschaft liegt ihr am Herzen. Denn mit den neu entstandenen Wohnhäusern rund um die Pestalozzistraße sind auch neue Nachbarn hinzugekommen.

„Ich werde auch dieses Jahr wieder alle einladen“, sagt sie. „Viele Menschen finden offene Jugendarbeit wichtig. Aber oft hört man: Ja, aber bitte nicht direkt nebenan. Deshalb wünsche ich mir vor allem Begegnung statt Vorurteile.“

Die Realität sehe meist anders aus als viele befürchten. „Wir wollen niemanden stören. Abends und an den Wochenenden ist es hier ohnehin ruhig. Einfach mal nachmittags auf einen Kaffee vorbeikommen, miteinander reden und sich kennenlernen – das wäre mein Wunsch.“

Für Maria Haberjahn ist das „Stadtkind“ mehr als ein Jugendtreff. Es ist ein Ort, an dem Gemeinschaft entsteht und junge Menschen erleben können, dass sie willkommen sind.

„Radebeul ist eine wunderschöne Stadt. Ich bin ganz bewusst mit meinen drei Kindern hierhergezogen und habe hier ein gutes Grundgefühl, Sicherheit und Verlässlichkeit“, sagt sie. „Aber manchmal fehlt mir etwas von diesem jungen, dynamischen Leben. Gerade jungen Menschen fällt es nicht immer leicht, hier ihren Platz zu finden.“

Das „Stadtkind“ möchte dabei helfen. Mit Freiräumen, Vertrauen und offenen Türen. Möglich wird das auch durch die Unterstützung zahlreicher Partner, darunter Schulen, Vereine, Kirchgemeinden, Lions und Rotarier.

Aktuell sucht das Projekt Verstärkung. Gesucht wird ein neuer Mitarbeiter oder eine neue Mitarbeiterin für die soziokulturelle Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.

„Am Ende geht es nicht nur um einen Jugendtreff“, sagt Maria Haberjahn. „Es geht darum, ob junge Menschen in Radebeul nicht nur wohnen, sondern wirklich ankommen können.“

Kontakt:

Neubrunnstraße 11c, Radebeul-Ost

Maria Haberjahn: haberjahn@juco-coswig.de

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