Museumspädagogin Annabell Rink mit dem Erhardt-Foto "Großmutter Pfeifer aus Coswig". Foto © BranczeiszMuseumspädagogin Annabell Rink mit dem Erhardt-Foto "Großmutter Pfeifer aus Coswig". Foto © Branczeisz

Als ich im März vergangenen Jahres meine Arbeit als Museumspädagogin in der Karrasburg Coswig begann, hätte ich nicht gedacht, dass mich eine Recherche für das 30-jährige Jubiläum unseres Hauses zu einer der spannendsten Persönlichkeiten der Coswiger Kulturgeschichte führen würde. Gemeinsam mit Anne Zabel, der Verwalterin der Karrasburg, überlegten wir damals: Was könnten wir Ende August zum Jubiläum zeigen? Die naheliegende Frage lautete: Was war eigentlich die erste Ausstellung, die hier zu sehen war?

So stießen wir auf Otto Erhardt.

Beim Stöbern im Archiv fanden wir zunächst historische Fotografien der alten Coswiger Kirche. Doch schnell wurde klar, dass sich hinter diesem Namen weit mehr verbirgt. Otto Erhardt war Zeichenlehrer, lebte mehr als 40 Jahre in Coswig und wohnte bis 1942 in der alten Schule. Dort machte er die Schule nicht nur zu seinem Lehr- und Wohnort, sondern auch zu einem damals geradezu experimentellen Künstlertreff der modernen Fotografie.

Er stand im Austausch mit der Dresdner Künstlerszene. Zu seinen Kontakten gehörten unter anderem Hugo Erfurth, der unter anderem Käthe Kollwitz fotografierte und mit Josef Hegenbarth arbeitete, Oskar Zwintscher, dessen Werke heute im Albertinum zu sehen sind, sowie der Fotopionier Heinrich Kühn von der Künstlergruppe Wiener Kleeblatt.

Besonders faszinierend ist: Alle seine fotografischen Arbeiten entstanden in Coswig. Seine Tochter berichtete später davon, wie er zunächst die heimische Küche zeitweise in eine Dunkelkammer verwandelte. Als er später Schulleiter wurde, stand ihm dafür sogar ein eigener Raum zur Verfügung. Otto Erhardt war Künstler und zugleich Amateurfotograf – zumindest offiziell. Tatsächlich entwickelte er sich zu einem Meister seines Fachs. Vor allem die Technik des Gummidrucks beherrschte er in einer Qualität, die ihm große Anerkennung einbrachte. Fachzeitschriften veröffentlichten seine Beiträge, er gab Kurse an der Technischen Universität sowie in einem Dresdner Fotolabor.

Ab 1895 eignete er sich die anspruchsvolle Technik des Gummidrucks an. Bereits seine ersten beiden Einsendungen wurden 1899 ausgezeichnet. Durch Wettbewerbe und fotografische Vereinigungen, deren Netzwerke bis nach Frankreich und sogar in die USA reichten, wurde Otto Erhardt bis etwa 1915 zu einem der international anerkanntesten Amateurfotografen seiner Zeit. Es war die Epoche der Jahrhundertwende – eine Zeit, in der sich die Fotografie als eigenständige Kunstform etablierte und neu erfand.

Seine Leidenschaft galt der Motivsuche. Natürlich war er überall in Coswig unterwegs. Doch sein Blick reichte weit darüber hinaus. Er hinterließ faszinierende und bis heute teilweise unveröffentlichte Impressionen von der Insel Gauernitz, aus der Sächsischen Schweiz, aus Meißen sowie Motive aus Altkötzschenbroda. Hinzu kommen eindrucksvolle Porträts, die auch heute noch ihre Wirkung entfalten. Mit seiner Reisekamera hielt er diese Eindrücke fest und arbeitete die Aufnahmen anschließend als Gummidrucke aus. Dadurch erhielten sie die Anmutung von Gemälden – mystische Landschaften, fein abgestufte Lichtstimmungen und beinahe fotogenaue Zeichnungen. Später entwickelte er seine Arbeit mit der Bromöltechnik weiter, als die Materialkosten für den Gummidruck in Kriegszeiten zu hoch wurden.

Bei unseren Recherchen fanden wir deshalb nicht nur einen Fotoband zur alten Kirche, sondern zahlreiche ausgezeichnete Arbeiten, die weit über das rein Dokumentarische hinausgehen. Für mich wurde immer deutlicher: Otto Erhardt war eine bedeutende Persönlichkeit Coswigs. Umso erstaunlicher ist es, wie wenig heute über ihn bekannt ist. Vermutlich wissen selbst viele an der heutigen Leonhard-Frank-Oberschule nichts von seinem außergewöhnlichen Wirken an diesem Ort. Dabei könnte die Schule durchaus seinen Namen tragen. Mindestens eine Straße oder eine Gedenktafel würden an einen Mann erinnern, dessen Bedeutung weit über Coswig hinausreichte. Doch Otto Erhardt geriet im Laufe der Jahrzehnte beinahe in Vergessenheit. Viele seiner Werke gelangten durch Nachfahren in andere Sammlungen, etwa in die Technischen Sammlungen Dresden, das Kupferstich-Kabinett Dresden oder die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin.

Nach der Wende lag der Schwerpunkt zunächst auf der Sichtung und Archivierung des Bestandes des alten Heimatmuseums. Teile des Archivs befanden sich damals sogar noch in der Poliklinik. Bereits 1995 zeigte das Kupferstich-Kabinett Dresden an seinem damaligen Standort an der Güntzstraße eine Ausstellung mit sämtlichen Erhardt-Werken aus dem eigenen Bestand. Zur Eröffnung der Karrasburg als Museum in ihrer heutigen Form wurden die damals gesichteten Arbeiten schließlich 1996 präsentiert.

Heute besitzt die Karrasburg rund 400 Werke Otto Erhardts – darunter zahlreiche unveröffentlichte und weitgehend unbekannte Arbeiten. Erst vor Kurzem meldete sich erneut ein Nachfahre mit einem weiteren Nachlass. Ich habe ihn bereits angeschrieben. Und vielleicht finden auf diesem Weg schon bald weitere Werke Otto Erhardts zurück an den Ort, den er so sehr liebte: nach Coswig.

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