Radebeul. Auf der Aussichtsplattform des Bismarckturms könnte man künftig nicht nur über Radebeul schauen, sondern durch die Jahrhunderte. Dr. Jens Baumann stellt sich dort keine klassische Infotafel vor, sondern historische Zeitfenster: ein Knopfdruck – und plötzlich erscheint die Landschaft, wie sie 1880 aussah. Oder 1600. Weinberge, die es heute nicht mehr gibt, verschwundene Gebäude, die Zeit der Reblaus-Katastrophe oder alte Sichtachsen der Lößnitz. Für den Vorsitzenden des Vereins für Denkmalpflege und Neues Bauen Radebeul e.V. wäre das weit mehr als Technikspielerei. Es wäre ein neuer Zugang zur Stadtgeschichte – verständlich, direkt vor Augen und mitten im Stadtbild.
Die Idee dahinter ist konkret. Auf dem Bismarckturm liegt bereits ein Leerrohr. Dort könnten Kameras installiert werden. Besucher drücken auf einen Button – etwa „1880“ – und auf einem Monitor erscheint die damalige Ansicht der Umgebung. Vielleicht kahle Weinberge während der Reblaus-Katastrophe. Vielleicht verschwundene Gebäude, alte Wegeführungen oder völlig andere Freiflächen. Keine wissenschaftliche Abhandlung, sagt Baumann, sondern verständliche Einordnung. Acht bis zehn Motive, 360-Grad-Effekt, verschiedene Zeitsprünge. „Dann wäre das mehr als nur eine schöne Aussicht.“
Es ist typisch für Baumann und den Verein. Immer ging es darum, Menschen über konkrete Orte für Stadtgestaltung zu sensibilisieren. „Durch viele gute Beispiele zur Schönheit erziehen“, sagt er. Ein Satz, der hängen bleibt. Denn genau darum dreht sich seit Jahrzehnten die Arbeit des Vereins – um die Frage, warum manche Orte Identität ausstrahlen und andere austauschbar wirken.
Der bekannte Bauherrenpreis, zuletzt 2025 zum 20. Mal vergeben, war genau dafür gedacht. Bauherren sollten zeigen, wie gutes Bauen funktionieren kann. Doch leicht war das zuletzt nicht mehr. „Wir können nur immer um Einreichungen kämpfen“, sagt Baumann offen. Vielleicht müsse man künftig andere Wege gehen, vielleicht stärker in Richtung eines klassischen Verschönerungsvereins denken. Denn das Mitmachen koste Kraft – bei Organisatoren genauso wie bei Teilnehmern.
Sorgen macht ihm, dass vieles heute austauschbar werde. Selbst große Projekte würden sich nicht immer selbstverständlich auf ihre Umgebung beziehen. Als Beispiel nennt er Entwicklungen rund um Wackerbarth. Gleichzeitig weiß Baumann natürlich auch, dass Baukosten eine enorme Rolle spielen. Trotzdem bleibt für ihn die Frage: Wie bewahrt man den Charakter einer Stadt wie Radebeul?
Der Verein hat dabei nie nur die großen Sehenswürdigkeiten im Blick gehabt. Oft ging es um die kleinen identitätsprägenden Orte. Die Erinnerungstafel zum Vorfrieden des Westfälischen Friedens an der Friedenskirche in Altkötzschenbroda gehört genauso dazu wie Diskussionen um Freiflächen am Fontainenplatz, Zillerplatz oder Rosa-Luxemburg-Platz am Luisenstift.
Gerade der Bilzplatz zeigt, wie aus Ideen konkrete Projekte werden können. Bereits 2010 entstanden erste Ansätze beim „Tag der offenen Gärten“, später folgte sogar eine Diplomarbeit dazu. Der Berliner Künstler Roland Fuhrmann konnte für eine Skulptur gewonnen werden, Anwohner der Eduard-Bilz-Straße spendeten Geld. Für Baumann sind solche Projekte wichtig, weil sie aus der Stadtgesellschaft selbst entstehen.
Denn genau darin sieht er die eigentliche Herausforderung für Radebeul: harmonische Stadtgestaltung. Einfriedungen, Dachneigungen, Freiflächen, weniger Bautätigkeit an sensiblen Stellen – all das gehöre zum Charakter der Stadt. Vorhabenbezogene Bebauungspläne sieht der Verein deshalb kritisch. Regelungen müssten sich immer an den tatsächlichen Besonderheiten eines Gebietes orientieren, sagt Baumann. Nur dann seien sie glaubwürdig.
Ein offenes Thema bleibt für ihn bis heute der Zillerplatz. Historisch war dieser Ort einmal ein Schmuckplatz. Bereits 1870 hatten die Gebrüder Ziller die Kreuzung aufgeweitet und mit einem Rondell gestaltet. 1885 kam ein fünf Meter breites Wasserbecken hinzu. Heute wirkt der Platz dagegen eher vernachlässigt. Zwar gibt es bereits Varianten eines Dresdner Planungsbüros, doch die schwierige städtebauliche Lage macht Lösungen kompliziert.
Auch kleinere Orte beschäftigen den Verein weiter. Freiflächen an der Oberen Bergstraße oder an der Ecke Hohe Straße seien ebenfalls identitätsprägend für Radebeul. Baumann spricht dabei bewusst nicht nur über große Architektur, sondern über das Gesamtbild einer Stadt – über Vorgärten, Mauern, Dachformen und gewachsene Strukturen, die vielerorts zunehmend verloren gehen.
Gleichzeitig kämpft der Verein auch mit denselben Problemen wie viele andere Ehrenamtler. Rund 80 Mitglieder zählt er noch, aber junge Leute fehlen. „Die Menschen binden sich nicht mehr ein Leben lang an einen Verein“, sagt Baumann. Junge Menschen seien heute oft unterwegs zwischen Studium, Arbeit und neuen Lebensorten. Engagement entstehe eher projektbezogen. Viele würden sich eher im Sport, in Musikschulen oder bei der Feuerwehr engagieren als in der Denkmalpflege.
Das spürt man inzwischen auch bei traditionsreichen Formaten. Der „Tag der offenen Aussicht“ oder der „Tag des offenen Gartens“ konnten zuletzt nicht mehr gestemmt werden. Gerade Letzterer sei jedoch wichtig gewesen, sagt Baumann, weil dort über Bauern- und Villengärten gesprochen wurde – besonders in Zeiten zunehmender Wohnbebauung und Nachverdichtung.
Dass trotzdem viel möglich ist, zeigt aktuell die Sicherung und Sanierung des Pavillons im Mohrenhauspark. Vor allem Robert Bialek habe dort Verantwortung übernommen, erzählt Baumann anerkennend. Genau solche Menschen brauche es.
Und vielleicht gehört auch die Idee der historischen Zeitfenster auf dem Bismarckturm dazu. Ein Projekt, das Geschichte sichtbar macht, ohne belehrend zu wirken. Das Wissen dafür sei vorhanden, sagt Baumann. Man brauche Menschen, die es zusammentragen und organisieren. Das Gymnasium Luisenstift hatte sich dafür einmal interessiert – doch dann kam Corona.
Heute, meint Baumann, sollte man solche Ideen wieder aufgreifen. Vielleicht mit festen Terminen mehrmals im Jahr. Vielleicht als neues gemeinsames Projekt des Vereins. Denn am Ende läuft für ihn alles auf einen Gedanken hinaus: Stadtgestaltung darf nicht allein aus dem Rathaus kommen. Sie müsse immer wieder aus der Stadtgesellschaft selbst entstehen. Menschen müssten diskutieren, sich einmischen, Ideen entwickeln und Verantwortung übernehmen. „Deshalb ist man nie fertig“, sagt Jens Baumann. Vielleicht gilt das für kaum eine Stadt so sehr wie für Radebeul.



