Auf dem Gelände der Naturruhe Friedewald bei Coswig ist ein Ort entstanden, der für viele Eltern von Sternenkindern eine besondere Bedeutung hat. Hier ruhen Babys, die vor, während oder kurz nach der Geburt gestorben sind. Rund 70 Namen Kinder. Einige sind auf der zentralen Stele mit Sternen verzeichnet – ein stiller Platz des Gedenkens. Doch jetzt sorgt genau dieser Ort für Schmerz statt Ruhe.
Ausgangspunkt waren Gespräche mit betroffenen Eltern direkt an den Gräbern. Sie berichten, dass am 10. Februar persönliche Erinnerungsstücke verschwunden sind. Kleine Steine mit Namen, Mini-Spielzeuge, Blumenkränze oder Windmühlen – Dinge, die sie über Jahre dort abgelegt haben. Die Gegenstände lagen später in einer abgezäunten Ecke, die als eine Art Betriebshof dient. Für viele Eltern ein schwerer Anblick. Ein Vater nahm seinen kleinen Namensstein wieder mit nach Hause. Auf manchen Grabstellen sind bis heute Löcher zu sehen, sogar ein kleiner Strauch wurde einfach herausgerissen. Für die Eltern besonders schwer nachvollziehbar: Über viele Jahre hatte sich niemand an den kleinen Zeichen der Erinnerung gestört.
Inzwischen heißt es, es habe Beschwerden aus dem Umfeld anderer Bestattungen gegeben. Im Raum steht die Frage: Warum dürfen manche Grabstellen gestaltet werden und andere nicht? Doch noch schwerer wiegt für viele Eltern ein anderer Punkt – niemand hat mit ihnen gesprochen. Daran hat sich nichts geändert – mit Verweis auf die Satzung.
Nachfragen von „Radebeul-aktuell“ gingen sowohl an die Stadt Coswig als auch an die Friedhofsverwaltung. Warum wurde und wird mit den Eltern nicht gesprochen? Und wie sollen die Gräber künftig gestaltet werden, wenn das Ablegen von Erinnerungsstücken zuvor offenbar geduldet war?
Die Stadt Coswig reagiert zurückhaltend und verweist auf die Zuständigkeit der Friedhofsverwaltung sowie auf die geltende Satzung. Demnach ist tatsächlich jede Gestaltung der Kindergräber untersagt. Genau genommen gibt es keine Gräber. Denn auch kleine Steinkreise, Kuscheltiere, Blumen oder persönliche Namenssteine sind laut Regelwerk nicht erlaubt. Lediglich die zentrale Stele mit den Sternen und Namen der Kinder. Hintergrund ist das Konzept der „Naturruhe“. Die Anlage soll bewusst Wald sein, sich unberührt in die Natur einfügen. Für Eltern von Sternenkindern sind die Bestattungsstellen kostenlos, lediglich Bestattung und Trauerfeier müssen sie selbst organisieren.
Daniel Prinz von Sachsen, Chef der Wettiner Forstverwaltung und Betreiber der Naturruhe Friedewald, hat jetzt einen Brief an die Eltern verfasst, der in den nächsten Tagen im Briefkasten sein wird. Darin bestätigt er, dass „das tolerierte, naturnahe Gestalten der Gräber einen überbordenden Charakter angenommen und zu Irritationen und Beschwerden anderer Angehöriger geführt hat“. Weiter heißt es, dass bei den Sternenkindern bisher eine Ausnahme gemacht worden sei. Dies habe jedoch zu Diskussionen geführt – etwa zu der Frage, ob der Verlust eines Babys anders zu behandeln sei als der eines älteren Kindes oder eines Erwachsenen.
Den Eltern wird deshalb eine Frist bis zum 1. Mai 2026 gesetzt, um sämtliche Gegenstände zu entfernen. Selbst kleine Abgrenzungen aus Steinen müssen verschwinden. Enrico Mögel von der Verwaltung entschuldigt sich bei einem erneuten Vor-Ort-Termin mit „Radebeul-aktuell“ für einen personellen Engpass. Deshalb habe man die Eltern vorab nicht anschreiben können. Im offiziellen Schreiben wird dieser Hintergrund allerdings nicht erwähnt. Für viele Angehörige bleibt daher der Vorwurf bestehen, dass ein persönliches Gespräch im Vorfeld nicht gesucht wurde.
Am Ende soll nur die Natur ihres Amtes walten. Auf den kleinen Gräbern leuchten inzwischen erneut zaghaft Blumen, ein niedlicher Plüsch-Hase lehnt an einem Stein, ein blauer Schnuller liegt auf grünem Moos. Auch die Trauer findet immer wieder ihren Weg, nicht nur das Leben. Und wahrscheinlich bleibt auch die Erkenntnis, dass diese Bestattungsform für manche eben doch nicht die passende Art der Trauer ist.



