Radebeul. Es sind nur wenige Zentimeter Messing im Pflaster. Und doch ziehen sie an diesem Tag die Blicke auf sich. Kinder sind gekommen, Jugendliche, ältere Radebeuler, Familien. Rund hundert Menschen stehen vor der Villa Kolbe an der Zinzendorfstraße 16. Dort, wo über Jahrzehnte behandelt, gewohnt, gearbeitet und später auch vergessen wurde, erinnern nun vier Stolpersteine an Brunhilde, Ursula, Alexander und Johannes Kohlmann. Mit ihnen kehrt ein Teil der Geschichte der Villa sichtbar an die Oberfläche.
Der Chirurg Anton Johannes Kohlmann zog bereits in den 1920er-Jahren mit seiner Klinik in das markante Gebäude ein. Zunächst war er Mieter, 1939 wurde er Eigentümer. Seine Frau Brunhilde, auch Bronislava genannt, stammte aus einer jüdischen Familie. Sie war evangelisch-lutherisch getauft. Unter der nationalsozialistischen Rassenideologie spielte das keine Rolle. Die Behörden stuften sie als „Volljüdin“ ein. Ihre Ehe mit Johannes Kohlmann galt als sogenannte „Mischehe“, die gemeinsamen Kinder Ursula und Alexander wurden als „jüdische Mischlinge“ verfolgt.
Solche Begriffe standen in Akten. Ihre Folgen bestimmten den Alltag. Johannes Kohlmann konnte seine Klinik weiterhin betreten. Brunhilde Kohlmann durfte das Gebäude nicht mehr betreten. 1941 wurde sie zur Zwangsarbeit in einer Dresdner Kartonagenfabrik verpflichtet. Selbst der Arbeitsweg war reglementiert. Öffentliche Verkehrsmittel durfte sie nicht benutzen. Die acht Kilometer nach Dresden musste sie zu Fuß zurücklegen.
Gerade solche Details machen sichtbar, wie Verfolgung funktionierte. Sie begann nicht erst mit Deportation und Mord. Sie griff in Bewegungsfreiheit, Arbeit, Ausbildung und Familienleben ein. Sie entschied, wer ein Gebäude betreten durfte, wer studieren konnte und wer morgens zu Fuß zur Zwangsarbeit gehen musste.
Auch die Kinder der Familie waren betroffen. Ursula Kohlmann, geboren 1922, erhielt zunächst Studienverbot. Später musste auch sie Zwangsarbeit leisten. Ihr jüngerer Bruder Alexander, Jahrgang 1925, wurde 1944 zur Zwangsarbeit nach Frankreich gebracht. Die Familie überlebte den Krieg. Dass Johannes Kohlmann selbst keinen jüdischen Familienhintergrund hatte, als angesehener Arzt galt und an seiner Familie festhielt, verschaffte seiner Frau und den Kindern einen gewissen Schutz. Brunhilde Kohlmann entging der Deportation.
Damit erzählt die Villa Kolbe heute weit mehr als Architektur- oder Medizingeschichte. Sie zeigt an einem konkreten Radebeuler Ort, wie nationalsozialistische Ausgrenzung in das tägliche Leben eindrang. Eine Klinik konnte gleichzeitig Arbeitsplatz und verbotener Ort sein. Ein Familienhaus blieb Zuhause und wurde doch Teil eines Systems, das einzelne Bewohner entrechtete. Nach 1945 blieb die Villa mit medizinischer und sozialer Nutzung verbunden. Sie diente unter anderem als Außenstelle des Kreiskrankenhauses und wurde für orthopädische Zwecke genutzt. Bis 1995 war dort die Lebenshilfe untergebracht. Danach stand das Haus mit seinen 66 Zimmern viele Jahre leer. Der Zustand verschlechterte sich zunehmend. Inzwischen wird das denkmalgeschützte Ensemble wieder gesichert und genutzt.
Nun liegt vor dem Gebäude eine weitere Zeitschicht. Vorbereitet wurde die Stolpersteinverlegung von der AG Geschichte Radebeul. Unterstützung kam unter anderem vom Verein Stolpersteine für Dresden, der Musikschule des Landkreises, der Stadt Radebeul, René Kuhnt und dem Radisson Blu Park Hotel. Historiker Dr. Daniel Ristau arbeitet die Biografien auf. Thomas Berndt koordiniert organisatorische Aufgaben und bindet Schulen sowie weitere Initiativen ein.
Die vier neuen Steine setzen eine Erinnerungsspur fort, die in Radebeul bereits 2005 begann. Damals wurden vor dem Wettin-Haus an der Moritzburger Straße die ersten Stolpersteine der Stadt verlegt. Sie erinnern an fünf Angehörige der Familie Freund, die in Auschwitz und Theresienstadt ermordet wurden. 2024 folgten Stolpersteine für die Familie Schaye am Augustusweg und die Familie Wach an der Meißner Straße, 2025 für die Familie Aronade an der Clara-Zetkin-Straße. Der Stadtrat beschloss die Verlegung der Stolpersteine einstimmig. Oberbürgermeister Bert Wendsche sagte bei der Veranstaltung: „Wir sind EINE Stadtgesellschaft, in all ihrer Vielfalt und Widersprüchlichkeit.“ Und er formulierte einen Satz, der den Gedanken hinter diesen Steinen zusammenfasst: „Erinnern hält mitunter Wunden offen, die offen bleiben müssen.“ Erinnern sei deshalb stets auch „Arbeit an der Zukunft“.
Wer künftig an der Zinzendorfstraße 16 vorbeikommt, sieht weiterhin eine große Villa mit einer wechselvollen Geschichte. Doch nun liegen davor vier Namen im Boden. Sie machen aus Geschichte wieder Biografien. Aus Zahlen werden Menschen. Und aus Vergangenheit wird ein konkreter Ort in Radebeul.



