Kendall Old Elk kommt aus Montana und zeigt den traditionellen Schmuck seines Ururgroßvaters. Foto © BranczeiszKendall Old Elk kommt aus Montana und zeigt den traditionellen Schmuck seines Ururgroßvaters. Foto © Branczeisz

In der Villa Bärenfett in Radebeul hängt keine Dekoration, sondern Familiengeschichte. Kendall Old Elk steht vor der Jacke von Curley, dem Crow-Scout, der mit Custers Armee am Little Bighorn unterwegs war und dessen Überleben bis heute erzählt wird wie ein Riss in der offiziellen Geschichtsschreibung. Stoff, Nähte, Leder, Spuren von Händen. Für Besucher ist es ein Exponat. Für Kendall ist es ein Vorfahr im Raum.

Er gehört zur Apsáalooke Nation, die weiße Siedler später Crow nannten. Eine Übersetzung, die schon falsch abbog, bevor sie richtig ankam. Apsáalooke bedeutet nicht einfach „Krähe“, sondern wird als „Kinder des langschnäbeligen Vogels“ überliefert. Ein Name, der älter ist als Landkarten, Reservatsgrenzen und die Akten der US-Regierung.

Kendall weiß, wie es sich anfühlt, wenn andere die eigene Geschichte erzählen. Manchmal machen sie daraus Verrat. Manchmal Folklore. Manchmal Abenteuerliteratur. Für die Crow war die Lage nie so einfach. Sie waren ein kleines Volk auf einem riesigen Land. Größer als Deutschland, sagt Kendall. Prärie, Berge, Flüsse, Jagdgründe. Dann kamen Siedler. Und andere indigene Nationen drängten ebenfalls in ihr Gebiet: Lakota, Cheyenne, Arapaho. Mächtige Nachbarn, aggressive Gegner.

Als Crow für die US-Armee als Scouts ritten, war das kein romantischer Treueschwur auf Washington. Es war Überleben mit offenen Augen. „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“, sagt Kendall. Ein Satz wie ein Messer. Nicht schön, aber brauchbar. Die Crow hofften, ihr Kernland zu halten, während andere Völker nach Kriegen, Hunger und Vertreibung fast alles verloren. Man kann das kalt nennen. Oder realistisch. Auf der Prärie war Moral selten eine warme Decke.

Little Bighorn, 25. Juni 1876. In vielen Schulbüchern wurde daraus „Custer’s Last Stand“, ein weißer Held am Ende der Welt. Für Lakota, Cheyenne und Arapaho war es Greasy Grass: ein Lager am Fluss, kilometerlang, voller Familien, Pferde, Feuerstellen, Kinderstimmen. Kein Schlachtfeld, das auf Soldaten wartete. Ein Sommerlager.

Custer unterschätzte es. Das war sein erster Fehler. Vielleicht sein letzter.

Die Krieger reagierten schnell. Sie kannten die Hügel, die Senken, die Bewegungen der Pferde. Sie verschwanden, tauchten wieder auf, schnitten Wege ab. Viele waren besser bewaffnet, als es der spätere Western-Mythos gern zugab. Repetiergewehre gegen langsame Einzellader. Dazu Ortskenntnis. Dazu Wut. Dazu Männer, die nicht für eine Flagge kämpften, sondern für Frauen, Kinder, Zelte, Vorräte, Pferde, Gräber.

Kendall erzählt diese Schlacht nicht als Triumphlied. Dafür weiß er zu gut, was danach kam. Der Sieg am Little Bighorn war gewaltig. Und er machte die USA nur härter. Die Antwort waren Winterfeldzüge, Hunger, tote Büffel, Reservate. Ein Sieg, der wie ein Blitz einschlug und den Himmel danach dunkler machte.

Und was sagt er über Karl May?

Kendall kannte ihn nicht, als er zum ersten Mal nach Europa kam. Winnetou, Old Shatterhand, Radebeul – für ihn waren das keine Kindheitsnamen. 2004 kam er zu den Karl-May-Festtagen. Er sah die Kulissen, die Sehnsucht, die deutschen Augen, die seit Generationen gen Westen blicken, den Karl May zunächst nie gesehen hatte.

Kendall nimmt ihm das nicht übel. Im Gegenteil. May hatte kein Google, kein Wikipedia, kein ChatGPT, sagt er lächenld. Er hatte Bücher, Fantasie und ein Gehirn, das nicht stillhalten wollte. Er erfand eine Welt, die nicht die Welt der Apsáalooke war. Aber er säte Neugier. Ohne diese Neugier, sagt Kendall, stünde er nicht in Radebeul vor Curleys Jacke. Manchmal beginnt eine echte Begegnung mit einer falschen Vorstellung. Entscheidend ist, ob man danach weiterfragt. Und die Botschaften seiner Bücher waren überraschend oft auch die der realen Geschichte.

Dann kommt Custer zurück in die Geschichte. Yellow Hair nannten ihn manche Indigene. Über ihn gibt es Berichte, Legenden, Widersprüche. Auch die Erzählung, dass er einst aus einem Überfall eine Cheyenne-Frau bei sich hatte und mit ihr ein Kind bekam. Nach Cheyenne-Verständnis, so wird es überliefert, verband ihn dieses Kind mit dem Volk. Als Custer am Little Bighorn fiel, seien alle Soldaten verstümmelt worden, damit sie in der anderen Welt nicht weiterkämpfen konnten. Custers Körper aber blieb unberührt, weil er durch das Kind ein Cheyenne war. Bis auf die Ohren: Frauen, heißt es in der Überlieferung, stachen ihm Löcher hinein. Als Zeichen. Er hatte nicht gehört. Er hätte als einer, der mit den Cheyenne verbunden war, nicht gegen Cheyenne kämpfen dürfen. In seinem nächsten Leben sollte er besser zuhören.

Kendall Old Elk steht in Radebeul nicht vor einem Museumsstück, sondern vor einer Frage, die bis heute im Leder hängt: Wer erzählt Geschichte – und wer hört zu?

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