Katrin Sontag geht im Wahlkampf selbst von Haus zu Haus. Auf der Schlossallee hat das über 4 Stunden gedauert. Foto © Timm ZiegenthalerKatrin Sontag geht im Wahlkampf selbst von Haus zu Haus. Auf der Schlossallee hat das über 4 Stunden gedauert. Foto © Timm Ziegenthaler

Sie hat es getan. Sie ist wirklich selbst von Haus zu Haus gegangen, hat Flyer in die Briefkästen gesteckt, geklingelt, Menschen angesprochen. Genauso wollte sie es. Die Gemeinde erlaufen, jeden treffen, wenn möglich. Allein auf der Moritzburger Schlossallee hat ihre Tour über vier Stunden gedauert. „Puh, aber das war auch richtig schön“, lacht sie. Bloß gut, dass sie noch einmal Urlaub genommen hat. Trotzdem ist der irgendwie auch verpufft. Schließlich gibt es jetzt nicht, wie ursprünglich geplant, in jedem Ort ein Wahlforum der Gemeinde, sondern nur eines – am 11. März, 19 Uhr, in der Kurfürst-Moritz-Schule in Boxdorf.

Entspannt dürfte der Abend nicht werden. Der Gemeinderat hat nach dem ganzen Hickhack um Termine und Orte nichts dem Zufall überlassen: Wer darf wann sprechen, wie lange – alles ist festgezurrt. Auch, dass das Forum jetzt 120 statt 90 Minuten dauern soll. Den profunden Moderator wollte der Rat am Ende auch nicht mehr, weil er nicht persönlich vorgestellt worden war. Über allem schwebt, wie schon die ganze Zeit, die Anfechtung der Wahl. Die Spielchen gehen weiter.

Ob Katrin Sontag da noch eine eigene Veranstaltung organisiert? „Ich denke nicht“, sagt sie. Geackert hat die Friedewalderin ohnehin schon seit über einem Jahr. Seit Januar vergangenen Jahres hat sie Ortschaftsrats- und Gemeinderatssitzungen besucht – und wenn sie einmal nicht in der Besucherreihe saß, haben sich einige schon gewundert. Sie war überall. Bei Veranstaltungen, Gesprächen, Treffen. Nicht nur, um sich vorzustellen, sondern vor allem, um zuzuhören: Wo drückt der Schuh? Was bewegt die Ortsteile? Und erstaunlich oft stellte sich heraus – viele Orte reden über ganz ähnliche Dinge.

Ganz nebenbei hat sie noch einmal die Schulbank gedrückt. Einen Ein-Jahres-Kurs „Bürgermeister im Fokus“ beim Justizministerium hat sie besucht, außerdem innerhalb eines Jahres ein Kommunal-Diplom abgelegt. Viele Bürgermeister ließen sie dabei in ihren Alltag blicken, ließen sie Fragen stellen, mitgehen, einfach sehen, wie das Amt tatsächlich funktioniert. „Das war wirklich sehr hilfreich“, sagt sie. Gerade, weil dabei immer wieder eine einfache, aber entscheidende Frage auftauchte: Was sollte ein Bürgermeister eigentlich wirklich tun?

Mit Menschen umgehen kann sie, sagt sie selbst. Das hat auch mit ihrem Beruf zu tun. Katrin Sontag ist Amtsanwältin – salopp gesagt eine Staatsanwältin auf dem zweiten Bildungsweg. Sie hat Rechtspflege studiert und danach fast 25 Jahre in verschiedenen Bereichen gearbeitet. Erst später eröffnete Sachsen – als eines der letzten Bundesländer – das Zusatzstudium im Strafrecht für diese Laufbahn.

Sie hat die Chance genutzt. Und war die erste Frau, die sich dieses anspruchsvolle Studium noch einmal zugemutet hat. Seit April 2019 arbeitet sie als Staatsanwältin in Dresden. Gerade ist sie noch einmal befördert worden. Was also reizt sie daran, diesen hart erkämpften Beruf plötzlich an den Nagel zu hängen? „Vielleicht, um etwas vor Ort zurückzugeben, denn Moritzburg hat uns eine supergute Lebensgrundlage geboten“, überlegt sie. Außerdem war sie nie besonders bequem. Sie ist öfter einen neuen, den schwierigeren Weg gegangen, hat sich etwas zugemutet. So ist sie eben. Akribisch, ehrgeizig – und durchaus hartnäckig.

Wenn sie aus dem Küchenfenster schaut, blickt sie direkt auf ihr eigenes Wahlplakat. Man könnte sagen: Die Wahl steht vor der Tür. Haben sich ihre Themen oder Sichtweisen im Laufe der vielen Gespräche verändert? „Eigentlich nicht. Die Bürger wollten zuerst wissen: Warum wollen Sie das überhaupt machen? Und gleich danach: Was wollen Sie sich vornehmen?“, erzählt sie. „Ich bin nie komisch angesprochen oder beleidigt worden.“ Im Gegenteil. Die meisten Gespräche seien offen und sehr überlegt gewesen. Die Bürger wollten keine politischen Spielchen.

Wenn sie nach dem einen alles überlagernden Tenor gefragt wird, kommt die Antwort prompt: Kommunikation. Zwischen der Gemeinde und dem Gemeinderat – aber auch unter den Gemeinderäten selbst. Fraktionen sprechen oft nicht wirklich mit einer Stimme, viele äußern sich einzeln. Gleichzeitig hat sie festgestellt, dass sich viele Ortsteile mit denselben Themen beschäftigen.

Dabei könnten durch Austausch durchaus Synergien entstehen, wenn man sich zusammensetzen würde – vielleicht in einer Art Ältestenrat. Würde das nicht Themen ins Hinterzimmer ziehen? „Das darf nicht passieren. Es geht nicht ums Ausklüngeln. Der Bürger hat auch das Recht zu sehen, wie Entscheidungen zustande kommen, nicht bloß ein Ergebnis zu bekommen“, sagt sie. Es gehe ihr eher darum zu klären, ob ein Beschluss sachlich überhaupt so weit vorbereitet sei, dass er in den Gemeinderat könne. „Es wäre doch für alle gut, mal etwas geschafft zu haben und zufrieden nach einem Gemeinderat nach Hause zu gehen – und nicht frustriert, weil ein wichtiger Beschluss wieder vertagt wurde. Das habe ich sehr oft erlebt. Das verschleißt doch die Leute, das macht keinen Spaß.“

Sie überlegt kurz. „Ich würde auch gern größere Beteiligungsformate beleben. Bei uns gibt es keine Bürgerversammlung – wenigstens einmal im Jahr sollte eine in jedem Ort stattfinden. Mir würden sofort Themen einfallen, die die Menschen dort bewegen.“ Die Diskussionen um die Straßennamen waren für sie da ein gutes Beispiel. „Die Bürger wollen, dass wenigstens mal mit ihnen gesprochen wird. Das ist doch ein gutes Zeichen.“

Am Wahlabend ab 18 Uhr wird es eine kleine Wahlparty im Café „Goldfisch“ auf der Schlossallee geben. Egal, wie das Ergebnis dann lautet – einfach, um sich bei Unterstützern zu bedanken.

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