
Ab 2027 will die Bundesregierung vielen Hilfebedürftigen die letzte Unterstützung im Alltag streichen. Was nach Pflegereform klingt, bedeutet für Betroffene weniger Selbstständigkeit, mehr Abhängigkeit und oft schlicht: allein gelassen werden.
Nicht nur Alte, obwohl sie bei der Entlastung im Haushalt das Gros ausmachen. Auch Familien mit behinderten Kindern, Alleinerziehende in besonderen Lebenslagen oder Unfallopfer werden diese „Reform“ am eigenen Leib spüren. Das ist wörtlich gemeint. Denn ab 1. Januar sollen die monatlichen 131 Euro Entlastungsbetrag bei Pflegegrad 1 wegfallen. Oft nur zwei Stunden alle zwei Wochen – und doch so viel mehr: Müll wegbringen, einkaufen, staubsaugen, wischen, zum Arzt begleiten, ein Spaziergang – viele wichtige Alltagsdinge sollen dann Angehörige, Nachbarn oder Freunde übernehmen. Oder der Mensch bleibt allein.
Filip Jirasek ist Chef der Agentur für Haushaltshilfe Radebeul-Coswig. Seine Mitarbeiter sind für viele echte Herzensmenschen, die Lachen und Lebensmut schenken, Tipps und Hilfe parat haben und für manche sind sie sogar der einzige Mensch, der noch an der Haustür klingelt. Jirasek hat viele solcher besonderen Menschen kennengelernt: den Herrn, der zweimal im Monat die Treppen hinuntergetragen wird, um überhaupt seine Wohnung verlassen zu können und mit dem er in seiner Freizeit auf den Weihnachtsmarkt gehen wird, um ihm eine Freude zu machen. Oder der Autistin, die es nicht schafft, alleine einkaufen zu gehen. Für sie gab es einen eigenen Zeitplan: Die wenigen Stunden wurden so aufgeteilt, dass eben jede Woche einmal eingekauft wurde.
Missbrauch bei Pflegegrad-1-Leistungen hat Jirasek dagegen nur einmal festgestellt. Den vielen anderen wird er nicht mehr helfen können wie bisher. Er rechnet damit, 50 bis 60 Prozent seiner Klienten zu verlieren. Denn es trifft nicht nur Pflegegrad 1: Wer neu eingestuft wird, muss ab 2027 schärfere Kriterien erfüllen, auch für Pflegegrad 2. Viele Ältere haben keine Angehörigen vor Ort oder sie gehen selbst arbeiten. Gerade Frauen ab 60 haben diese soziale Leistung meistens übernommen. Und dass Nachbarn diese Hilfe umfassend schultern können oder wollen, ist eher der Sonderfall.
Die Reform hat noch einen Hammer: Die Verhinderungspflege soll als eigene Leistung entfallen. Für alle Pflegegrade! Mal „nicht da sein“ können als Angehöriger, sei es durch eigene Krankheit, Urlaub oder schlicht Überlastung, wird noch schwieriger. Es gibt zwar neue Budgets. Statt bisher bis zu 3.539 Euro für Verhinderungs- und Kurzzeitpflege sieht der Entwurf ein „Überbrückungsbudget“ von 2.285 Euro im Jahr vor. Diese Hilfe dürfen dann aber nur noch zugelassene Pflegedienste leisten. Doch die haben höhere Stundensätze als Haushaltsagenturen, kommen also noch seltener, weil das Geld schneller ausgegeben ist. Was bei den Betroffenen ankommt, ist dann real eine doppelte Kürzung.
Das Kabinett hat den Entwurf beschlossen, Bundestag und Bundesrat müssen noch beraten. Jirasek stellt seine Agentur schon darauf um – und hofft, dass manches noch einmal durchdacht wird. Denn so geht es eigentlich nicht.

