Larissa Sola, Emma Vogt (beide Arriba Dance Company), 32. Dresdner Stollenmädchen Ruth Liebscher, Bäckermeister Lukas Claus - v.l.n.r. Foto © Schutzverband Dresdner Stollen e.V./Michael SchmidtLarissa Sola, Emma Vogt (beide Arriba Dance Company), 32. Dresdner Stollenmädchen Ruth Liebscher, Bäckermeister Lukas Claus - v.l.n.r. Foto © Schutzverband Dresdner Stollen e.V./Michael Schmidt

Weinböhla. Sie ist 18, kommt aus Weinböhla, steht mitten in der Ausbildung und kennt den Duft einer Backstube nicht erst seit gestern. Ruth Liebscher ist mit Brötchen, Kuchen und echtem Bäckerhandwerk groß geworden. Jetzt trägt sie plötzlich eines der bekanntesten Kleider der Dresdner Weihnachtszeit: Ruth ist das 32. Dresdner Stollenmädchen. Und genau das macht ihre Geschichte so sympathisch. Da steht keine Kunstfigur auf der Bühne, sondern eine junge Frau aus der Region, deren Familie seit Jahrzehnten selbst Teil dieses Handwerks ist. Ihre Eltern Tina und Karsten führen die 1970 gegründete Bäckerei Liebscher in Weinböhla. Für Ruth gehörte die Backstube deshalb schon zum Alltag, als andere Kinder Bäckereien vor allem von der anderen Seite der Ladentheke kannten.

Der Beruf war für sie trotzdem keine bloße Familienpflicht. Ruth absolviert ihre Ausbildung zur Bäckerei-Konditorei-Fachverkäuferin bei der Bäckerei & Konditorei Claus in Neusörnewitz. Dass ihr besonders der Kontakt mit Menschen liegt, passt zum neuen Amt: Verkaufen habe ihr schon immer Spaß gemacht, erzählte die 18-Jährige bei ihrer Vorstellung. Dass ausgerechnet sie einmal Stollenmädchen sein würde, hätte Ruth selbst lange kaum geglaubt. Schon als kleines Mädchen schaute sie fasziniert auf das festliche Kleid. Als dann tatsächlich die Entscheidung für sie fiel, war ihr erster Gedanke herrlich ungekünstelt: „Wirklich ich?“

Zwischen Verkaufstheke und Weltmeister-Parkett

Wer Ruth nur auf Bäckerei und Christstollen reduziert, kennt allerdings nur die halbe Geschichte. Wenn die Schürze fällt, wird aus der Fachverkäuferin eine Wettkampftänzerin. Bei der Arriba Dance Company in Coswig gehört Showdance zu ihrem Leben. Training, Auftritte, Konzentration, Teamgeist – auch das prägt sie seit Jahren. Im vergangenen Jahr führte dieser Weg sogar bis nach Mailand. Mit ihrem Team wurde Ruth Vizeweltmeisterin. Kein Wunder also, dass ihre Tänzerinnen auch bei der Präsentation des neuen Stollenmädchens an ihrer Seite standen. Backhandwerk trifft Bühnengefühl – bei Ruth ist das keine PR-Idee, sondern Alltag.

Vielleicht passt sie gerade deshalb so gut in diese Rolle. Sie ist jung, aber nicht unerfahren. Heimatverbunden, ohne angestaubt zu wirken. Sie kennt frühmorgendliche Arbeit ebenso wie das Scheinwerferlicht auf der Tanzfläche. Nun wird ihr Kalender deutlich voller. Mehr als 50 Termine warten bis Weihnachten, und die Reise führt sie nicht nur durch Deutschland: Einer ihrer ersten internationalen Auftritte soll Ruth nach Warschau führen.

Der persönlichste Termin dürfte aber näher an der Heimat liegen. Am 5. Dezember führt sie beim Dresdner Stollenfest den Festumzug durch die Altstadt an und schneidet den Riesenstollen an. Früher stand Ruth dort als Kind und schaute zu – auch durch ihren Vater kannte sie das Fest schon lange. 2026 steht sie selbst mittendrin. Aus dem Mädchen aus der Weinböhlaer Bäckerfamilie wird für eine Saison das Gesicht einer jahrhundertealten Dresdner Tradition. Und trotzdem bleibt der Eindruck: Da steht vor allem Ruth. Eine von hier – nur eben jetzt im wohl bekanntesten Kleid der sächsischen Weihnachtszeit.

Barrierefreiheit