Radebeul. Mainz hat seine Mainzelmännchen, Köln seine Maus, Bad Segeberg hat seinen Winnetou, Duisburg und St. Ingbert haben ihre Bergarbeiter – und nun hat Radebeul seinen Old Shatterhand. Und zwar an der Schildenstraße/Ecke Meißner Straße, direkt am Karl-May-Museum. Seit diesem Sonntag steht und geht dort ein kleiner Old Shatterhand in Rot und Grün. Mal wartet er geduldig, mal marschiert er los. Ein ziemlich passender neuer Verkehrsteilnehmer für die Karl-May-Stadt – und einer, der einen erstaunlich langen Ritt durch die deutsche Bürokratie hinter sich hat.
Die Idee stammt aus St. Ingbert. Zum 35-jährigen Jubiläum ihrer Städtepartnerschaft im Jahr 2023 wollten sich beide Städte ein Stück ihrer Geschichte schenken: Radebeul schickte die Plastik „Die Liebenden“ ins Saarland, St. Ingbert revanchierte sich mit zwei ganz besonderen Ampelscheiben für Radebeul. Nur: Das Jubiläum war 2023. Die Ampel leuchtet 2026. Was war da los?
Bert Wendsche muss lachen, als er davon erzählt. Zunächst fehlte schlicht die passende Baustelle. Dann begann jene Disziplin, in der Deutschland international vermutlich schwer zu schlagen ist: die Prüfung einer Sache, die anderswo längst funktioniert. „Wir in Sachsen haben das noch nie gehört!“, erinnert sich Radebeuls Oberbürgermeister an die erste Reaktion der Behörde. Also tastete man sich heran. Motivampeln? Schwierig. An verkehrsbedeutsamen Straßen? Erst recht schwierig. Wendsche hielt dagegen: Andere Städte haben schließlich längst ihre eigenen Figuren. Und wenn irgendwo Old Shatterhand auf eine Ampel gehört, dann wohl vor das Karl-May-Museum.
Irgendwann kam tatsächlich ein Bescheid. Erfolg? Nicht ganz. Darin stand plötzlich eine andere Kreuzung – der Fußgängerüberweg am Schulhort. „Das ging natürlich gar nicht“, erzählt Wendsche. Also wieder hin, wieder erklären, wieder verhandeln. Nun darf Old Shatterhand endlich ran: fünf Jahre auf Probe. Dazu gehört die Auflage, das Unfallgeschehen rund um die Motivampel zu dokumentieren. Auch darüber kann Wendsche nur lachen: „Wer die Ampel nicht erkennt, hat’s auch im normalen Leben nicht verstanden.“
Damit ist Old Shatterhand nun offiziell im Radebeuler Straßenverkehr angekommen. Bei Rot steht er stramm, bei Grün schreitet er entschlossen voran – vermutlich der einzige Old Shatterhand, der sich so gewissenhaft an Verkehrsregeln hält.
Zur Einweihung kamen neben Wendsche auch St. Ingberts Oberbürgermeister Prof. Dr. Ulli Meyer sowie eine Bürger- und Feuerwehrdelegation aus dem Saarland. Und selbst der Wildwest-Gedanke ist zwischen beiden Städten weniger weit hergeholt, als man zunächst denkt: Christian Schetting aus St. Ingbert spielte einst Klarinette in Buffalo Bills berühmter Wild-West-Show und wurde später Kapellmeister der St. Ingberter Bergkapelle.
Bad Segeberg hat übrigens sechs Jahre für seine Winnetou-Ampel gebraucht haben. Radebeul hat es in fünf geschafft. Na bitte. Wilder Westen kann Sachsen also doch.



