Der Turm des Alten Ratskellers ist zurück. Foto © BranczeiszDer Turm des Alten Ratskellers ist zurück. Foto © Branczeisz

Das war sogar für Rico Sachse ein aufregender Tag. Der Zimmerer- und Dachdeckermeister konnte am Dienstagvormittag den Turm auf dem Alten Ratskeller in Radeburg aufsetzen. Viele Radeburger konnten sich schon gar nicht erinnern, wie er genau aussah. Andere kamen ins Grübeln, ob der Turm tatsächlich so hoch war. „Ja, war er. Genauso“, bestätigt der Zimmerer- und Dachdeckermeister schmunzelnd. Meister und Gesellen haben den Turm original hergestellt, also auch von Zimmererhand, nicht auf der Maschine. Seine Gardemaße: 3,30 Meter hoch, 2,50 Meter Durchmesser.

Etwa eine Tonne wiegt die Konstruktion, die Mentner-Krane elegant in den Radeburger Himmel schweben ließ und die jetzt noch verkleidet und bedeckt wird. Mit allen Arbeiten wird das noch einmal bis zu zwei Monate dauern. So lange steht auch noch das Gerüst. Denn mit „Turm hoch und fertig“ ist es hier nicht getan. Schon die Vorbereitungen dauerten länger als sonst üblich. Kein Wunder. Das Dach des Alten Ratskellers ist hier und da noch notdürftig mit Planen abgedeckt, der Charme des Maroden ist längst der Baufälligkeit gewichen.

Architekt Samuel Jenichen und Rico Sachse mussten also anders herangehen, den Turm so konstruieren, dass er sich selbst trägt – selbst wenn Dach und Gebälk nachgeben oder irgendwann erneuert werden. „Irgendwann“ ist genau der Punkt. Wegen akuter Einsturzgefahr und massiver Schäden am maroden Dachstuhl musste der Dachreiter mitsamt der historischen Glocke am 24. Januar 2023 entfernt werden, um die gesamte Dachkonstruktion zu entlasten. Eine Ersatzvornahme des Landratsamtes Meißen, für die Radeburg auch noch dankbar sein muss. Der fertige Turm ist ein Zeichen der Hoffnung.

Ob der Eigentümer dem die Ersatzvornahme auch erstattet, wie es sein müsste, steht auf einem anderen Blatt. Falls nicht, zöge das wieder ein jahrelanges Hin und Her ums Grundbuch der Immobilie nach sich. Ob es zu einer weiteren Ersatzvornahme kommt, ist ebenfalls offen. Bis dahin muss der Turm fest bei Wind und Wetter stehen – und das tut er auf zwei neu eingezogenen Konstruktionen aus Überzügen im Haus. „Und wenn das Dach einfällt, der Turm steht“, sagt Rico Starke fast trotzig. Das klingt makaber und das ist es auch. Weil es nicht der einzige Fall am Marktplatz ist. In Blickweite „Zum Hirsch“ sieht es zwar außen manierlich, innen aber nicht viel besser aus. Verstrebungen im Haus halten die Wände. Rico Sachse zeigt auf die Häuser, die er mit seinen Jungs in Ordnung gebracht hat. Die restlichen sehen alle ähnlich marode aus. Über zwei Generationen nichts gemacht. Auch das macht das Ereignis heute sichtbar.

Die Turmspitze soll noch aufgesetzt werden. „Das muss“, sagt Sachse. „Ich spare schon“, antwortet Bürgermeisterin Michaela Ritter. Die Umstehenden nicken. Kommentiert werden die Zustände schon lange nicht mehr. Sie sind allgegenwärtig.

Vor über 20 Jahren hätte die Stadt Radeburg den Ratskeller kaufen können – der Markt war Sanierungsgebiet. Doch da gab es andere drängende Baumaßnahmen, die Schule z. B. Aber der Alte Ratskeller gehört zu Radeburg wie die Kirche ins Dorf. Was macht man daraus? Es hatte sich keiner des Ratskellers angenommen. Es hätte viel früher eines „Verrückten“ bedurft, der das stadtprägende Objekt mit Enthusiasmus und Geld wieder herrichtet. Dass es solche Fälle gibt, beweist der aktuelle Blick nach Radebeul zur Villa Kolbe, aber auch nach Großenhain, wo die Ruine der Bergbrauerei Zschieschen vor Jahren tatsächlich wieder aufgebaut wurde, was damals keiner für möglich gehalten hatte. Die Frage ist nur, wie lange das Haus durchhält?

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