Mario Sempf und Tina Bauschke vom EMIL Verlag zeigen Dresdens dunkle Seite - und das mit sichtlich viel Freude. Foto © BranczeiszMario Sempf und Tina Bauschke vom EMIL Verlag zeigen Dresdens dunkle Seite - und das mit sichtlich viel Freude. Foto © Branczeisz

Im EMIL Verlag in Moritzburg landen Bücher, die nicht still im Regal stehen möchten. Sie erzählen von Pestfriedhöfen, Richtstätten, verschwundenen Orten, aber auch Fußschweiß, Glatzen und einem jungen Genie, das viel zu früh starb und allerliebsten Tierkindern. Tina Bauschke hält diese sehr verschiedenen Geschichten zusammen. Sie begleitet ihre Autoren, ermutigt sie – und zieht notfalls rechtzeitig die Bremse. Papier ist geduldig. Leser sind es nicht immer.

Mario Sempf weiß das nur zu gut. Er kann erzählen. Lange. Sehr lange. Und meistens möchte man trotzdem noch wissen, wie es weitergeht. Jetzt hat er den vierten Band „Dresden zum Gruseln“ im EMIL Verlag veröffentlicht.

Schon seine Geburt begann mit einer Überraschung, erzählt er über sich: Sempf kam als zweiter Junge eines Zwillingspaares zur Welt. Seine Eltern hatten nur mit einem Sohn gerechnet. Später suchte er in den dunklen Wäldern Skandinaviens nach Trollen und schrieb erste Geschichten auf. Die Trolle blieben offenbar gut versteckt. Dafür fand er etwas Dauerhafteres: die Lust, an der glänzenden Oberfläche zu kratzen.

Heute ist Sempf experimenteller Archäologe, Autor, Stadtführer und ausgebildeter Grabungshelfer. Er tüftelt, baut und probiert aus, wie Menschen früher lebten und arbeiteten. Mit Schulen macht er Geschichte greifbar. Auf der Festung Königstein will er demnächst die Flucht eines Alchimisten nachstellen. Zuletzt sorgten seine Forschungen zu Mammutknochen-Funden in Dresden-Prohlis für Aufmerksamkeit. Sempf kennt Dresden wie seine Westentasche. Doch Jahreszahlen allein langweilen ihn. Ihn interessiert der kleine Widerhaken: Wann stand etwas wo? Warum verschwand es? Weshalb tauchte es wieder auf? Und stimmt die Geschichte überhaupt, die seit Jahrzehnten weitererzählt wird? Manchmal lautet sein Ergebnis schlicht: So kann es nicht gewesen sein.

Besonders wohl fühlt er sich dort, wo es historisch ungemütlich wird. Mit Hängen, Würgen, Rädern und Köpfen kennt er sich aus. Für seine Forschungen arbeitet er mit Archäologen, Historikern, Polizisten und Dr. Maritta Genesis aus Potsdam zusammen, Deutschlands einziger Richtstätten-Archäologin. Sempf möchte nicht nacherzählen, was andere geschrieben haben. Er will selbst Spuren finden.

„Dresden zum Gruseln“ sind schaurig-düstere, verbürgte Anekdoten, die faszinierenden Illustrationen von schaurigen Dresden stammen von Alexander Stroh. Auf einer Illustration liegt der frühere Friedhof an der Lingnerstraße im Schatten. Einst gehörte er zu Dresdens beliebtesten Friedhöfen. Nun ziehen dort Ratten, Pestmasken, Karren und Totenhügel den Blick in eine Stadt, die sich schon lange vor modernen Horrorfilmen ausgezeichnet gruseln konnte.

Für Tina Bauschkes Verlag ist der stadtbekannte Sempf ein prägendes Gesicht. Aber nicht das einzige. Heinz Kulb, bekannt durch „Neustadt-Geflüster“, schaut in „Schaufenster Dresden – zwischen Fußschweiß und Glatze“ auf die Stadt, ohne ihr vorher die Haare zu kämmen. Dieter Gruner ist weniger bekannt. Sein Buch „Die Wahnsinnsformel“ sollte deshalb nicht übersehen werden. Es erzählt die wahre Geschichte vom Leben und Sterben eines jungen deutschen Genies. Das Cover schuf übrigens der Dresdner Kriminalhauptkommissar Harald Nickoleit, Deutschlands einziger Phantombildzeichner, der ohne Computer arbeitete. Auch das – bemerkenswert.

Der EMIL Verlag empfiehlt außerdem viele andere Freunde der Bücherwelten aus der Region, die es zu entdecken lohnt. Apropos Label. Bis zum 26. September gehört der EMIL Verlag zu 46 Labels, die sich in Pop-up-Stores der Neustädter Markthalle präsentieren – montags bis samstags von 10 bis 20 Uhr. Stöbern lohnt sich auf jeden Fall.

Die neuen Originalillustrationen von Alexander Stroh zu „Dresden zum Gruseln“ und viele weitere Zeichnungen sind zudem in der QF-Passage am Neumarkt zu sehen, direkt an der Frauenkirche.

www.emil-verlag-dresden.de 

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