Anzeige
Aus dem Weinberg runter, kurz duschen und dann direkt hinter die Verkaufstheke der eigenen Straußwirtschaft. Für Thomas Seifert ist das keine Ausnahme, sondern Alltag. Unterhalb des Spitzhauses in Radebeul bewirtschaftet er gemeinsam mit seiner Schwester und seinem Schwager rund 2.200 Quadratmeter Weinberge im Nebenerwerb. Hauptberuflich arbeitet er im Transportbereich und fährt Schlepper bei VW. Nach Feierabend beginnt oft die zweite Schicht zwischen Reben, Keller und Weinverkauf.
In seiner kleinen Straußwirtschaft am Retzschgut schenkt er Gutedel, Rotling, Müller-Thurgau, Grauburgunder, Traminer und Kerner aus. Weine, die man vergeblich in den Regalen großer Supermärkte suchen wird. Die Flaschen landen direkt beim Kunden, entweder vor Ort auf dem Hof oder in ausgewählten Fachgeschäften. Eines davon ist der Getränkefachmarkt „Flacks“ in Radebeul.
Dort hält Inhaberin Birgit Zach gemeinsam mit ihrem Team ständig Ausschau nach kleinen Winzern und besonderen Tropfen. Statt auf Massenware setzt sie auf persönliche Kontakte und exklusive Kontingente. „Wir probieren den Wein natürlich vor Ort und sprechen mit den Winzern. Wir wollen unseren Kunden nur empfehlen, wovon wir selbst überzeugt sind“, sagt sie. Dafür gibt es im Markt nicht nur Beratung, sondern auch die Möglichkeit, verschiedene Weine am Weinautomaten zu verkosten. Ein Konzept, das besonders bei Kunden ankommt, die bewusst nach regionalen Besonderheiten suchen.
Zu den Winzern, die „Flacks“ für sich entdeckt hat, gehören Ines Fehrmann aus Cossebaude, Lars Wellhöfer aus Weistropp, ZiegenWein aus Wahnsdorf, 8Zeilen aus Diesbar-Seußlitz, das Haus Steinbach in Radebeul, Kerstin und Wolfgang Winn aus Pillnitz, Ulf Große, das Retzschgut von Thomas Seifert sowie Martin Biedermann aus Muna im Käbschütztal.
Das Wort „entdeckt“ trifft es dabei ziemlich gut. Viele dieser Betriebe sind selbst in Sachsen kaum bekannt. Ihre Weine entstehen fernab großer Kellereien auf kleinen Flächen, oft in steilen Terrassenlagen und fast ausschließlich in Handarbeit. Die exklusivsten Flaschen kommen deshalb nicht selten von Winzern, die nur wenige Zeilen Reben bewirtschaften. Von manchen Jahrgängen existieren gerade einmal einige Hundert Flaschen. Dabei sind die Mengen oft erstaunlich gering. Auf rund 2.000 Quadratmetern entstehen je nach Jahrgang und Rebsorte häufig nur 800 bis 1.500 Flaschen Wein. Kommen Spätfrost, Hagel oder Trockenheit hinzu, kann die Ausbeute deutlich kleiner ausfallen.
Für die Winzer bedeutet das jede Menge Arbeit. Bei vielen Miniwinzern ist eine Person gleichzeitig Weinbauer, Kellermeister, Verkäufer, Buchhalter, Marketingchef und Lieferfahrer. Die Arbeit endet nicht mit der Weinlese. Rebschnitt, Laubarbeiten, Pflanzenschutz, Kellerwirtschaft, Etiketten, Vertrieb und Kundenkontakte laufen oft parallel zum eigentlichen Beruf.
Kein Wunder also, dass manche Jahrgänge längst ausverkauft sind, bevor sie offiziell angeboten werden. Stammkunden sichern sich ihre Lieblingsweine häufig direkt beim Winzer. Wer zu spät kommt, muss oft bis zur nächsten Ernte warten. Dabei werden die kleinen Weinmacher immer seltener. Während die Zahl der Haupt- und Nebenerwerbsbetriebe in Sachsen wächst, ist die Zahl der Kleinwinzer von 3.652 im Jahr 2007 auf nur noch 1.301 im Jahr 2023 zurückgegangen. Hohe Kosten, viel Handarbeit und fehlende Nachfolger machen vielen Betrieben zu schaffen.
Gleichzeitig sind genau diese kleinen Weinberge ein Stück sächsischer Weinkultur. Denn wer bei einem Miniwinzer eine Flasche kauft, bekommt meist weit mehr als nur Wein. Er bekommt die Geschichte eines Menschen, der jede Rebe selbst geschnitten, gepflegt und gelesen hat. Er bekommt einen Tropfen, der nicht für den Massenmarkt gemacht wurde. Und wer nicht zufällig an einer Straußwirtschaft vorbeikommt, kann sich in Radebeul bei Birgit Zach und ihrem Team beraten lassen. Dort stehen viele dieser kleinen Entdeckungen bereits im Regal – und erzählen ihre ganz eigene Geschichte vom Weinbau zwischen Elbe, Steillagen und viel Leidenschaft.


