Anton Nachtigall - die Weinlese im Paradies ist für ihn der Start ins 1. Lehrjahr. Foto © BranczeiszAnton Nachtigall - die Weinlese im Paradies ist für ihn der Start ins 1. Lehrjahr. Foto © Branczeisz

Radebeul. Wer hier oben im „Paradies“ steht, versteht schnell, warum diese Weinlage ihren Namen trägt. Unter uns öffnet sich das Elbtal, vor uns fällt der Hang an der Jägerhofstraße mit bis zu 60 Prozent Gefälle ab. Es ist die steilste Lage von Schloss Wackerbarth. Auf insgesamt 4,5 Hektar wachsen hier Goldriesling, Traminer und Riesling. Ganz unten im Hang brauchen Traminer und Riesling für die Lagenweine der Edition „Paradies“ noch Zeit. Weiter oben beginnt dagegen bereits die entscheidende Phase für eine echte sächsische Visitenkarte: den Goldriesling.

Rund ein Hektar ist im „Paradies“ mit ihm bestockt. Er gehört zu den frühesten Sorten und wird bei Wackerbarth als einer der ersten gelesen. Danach folgt Solaris für den Federweißen. „Goldriesling wird seltenst Ende September gelesen, eher Anfang September, Ende August“, erklärt Weinbauleiter Till Neumeister. Mehr Wärme bedeutet dabei nicht automatisch mehr Ertrag – sie verschiebt vor allem die Reife. 2026 liegt die Lese etwa eine Woche vor dem Vorjahr. Extrem früh ist das dennoch nicht. 2018 begann sie noch einmal rund zwei Wochen früher. Entscheidend sei nämlich nicht nur, wie heiß ein Jahr ist, sondern wann die Hitze kommt. Das Frühjahr startete mit ausreichend Regen und moderaten Temperaturen. Dann kam Ende Juni der erste kräftige Schub: Die eigenen Wetterstationen meldeten am Thonberg in Diesbar-Seußlitz 41,7 Grad, am Goldenen Wagen 41,3 Grad.

Den Reben schadete das erstaunlich wenig. Die Beeren befanden sich noch im Erbsenstadium und waren weniger anfällig für Sonnenbrand. Zudem fiel während der Vegetationsperiode deutlich mehr Niederschlag als 2018. Trotz inzwischen 30 Tagen über 30 Grad – 2018 waren es 27 – blieb das Blattwerk gesund und schützte die Trauben. Auch deshalb wird heute weniger stark entblättert.

Rein rechnerisch könnten manche Sorten bereits gelesen werden. Orientierung gibt der Huglin-Index, ein Temperatursummenmodell des französischen Wissenschaftlers Pierre Huglin. Es berücksichtigt neben Temperaturen auch Tageshöchstwerte und Tageslänge und zeigt, wann bestimmte Sorten theoretisch reif werden können. Beim Riesling ist diese Temperatursumme bereits erreicht. Doch Theorie allein reicht im Weinberg nicht.

„Der Zucker stimmt schon, aber wir warten noch auf die Aromen“, beschreibt Neumeister das Prinzip. Entscheidend ist die physiologische Reife: Wie weich ist die Beere? Welche Farbe haben die Kerne? Hat sich am Stielansatz bereits der braune Holzring gebildet? Was im Supermarkt vielleicht liegenbleiben würde, kann im Weinberg genau das richtige Zeichen sein. „Wir nehmen seit drei, vier Jahren nicht einmal mehr Traubenproben“, sagt Neumeister. Keine Zahl ersetzt hier den Geschmack. Gemessen und gerechnet werden kann viel – am Ende wird probiert.

Genau darin steckt auch der Sinn des Wortes Weinlese. Trauben werden nicht einfach vollständig abgeerntet. Winzer lesen aus dem Weinberg heraus, was sie für welchen Wein brauchen. Dieselbe Lage kann deshalb zwei- oder dreimal durchlaufen werden: zuerst für einen frischen, frühen Wein, später für reifere Qualitäten. Der Goldriesling passt perfekt zu dieser sächsischen Handschrift. Er kommt fast ausschließlich hier vor, ist leicht, früh reif und unverwechselbar mit der Region verbunden. Während Schloss Wackerbarth insgesamt rund 20 Rebsorten anbaut und sich die Lese über etwa zwei Monate zieht, eröffnet diese kleine Spezialität Jahr für Jahr das große Kapitel des neuen Jahrgangs.

Bildtext: Anton Nachtigall – 1. Lehrjahr, Weinlese ist der Start ins 1. Lehrjahr.

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