Gojko Mitić tauft die restaurierte Blackfoot-Figur in Radebeul auf Sitopanaki – den Namen seiner ersten Filmfrau aus „Die Söhne der Großen Bärin“. Foto © BranczeiszGojko Mitić tauft die restaurierte Blackfoot-Figur in Radebeul auf Sitopanaki – den Namen seiner ersten Filmfrau aus „Die Söhne der Großen Bärin“. Foto © Branczeisz
Moderator Michael Kraus kennt „Gojko" seit 20 Jahren.
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Moderator Michael Kraus kennt „Gojko“ seit 20 Jahren. Foto © Branczeisz
Autogramm-Stunde im Tipi: "Danke für die schöne Kindheit".
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Autogramm-Stunde im Tipi: „Danke für die schöne Kindheit“. Foto © Branczeisz
Gut 500 Besucher wollten Gojko und die restaurierte Indianerfrau sehen.
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Gut 500 Besucher wollten Gojko und die restaurierte Indianerfrau sehen. Foto © Branczeisz

Radebeul. Manche Menschen betreten einen Raum – und plötzlich ist da Kindheit. Rund 500 Gäste sind ins Karl-May-Museum gekommen, viele nur wegen eines Mannes: Gojko Mitić. 86 Jahre alt, hellwach, bestens aufgelegt. Moderator Michael Kraus kennt „Gojko“ seit 20 Jahren und staunt über eine Zahl besonders: 1965 war der Schauspieler erstmals hier. Vor 61 Jahren.

Woher kommt diese Energie? Mitić antwortet, als sei das Geheimnis ziemlich simpel: „Das ist der Wille, so zu leben. Heute Morgen erstmal eine Runde geschwommen, das mache ich jeden Tag, auch im Winter.“ Robin Leipold, wissenschaftlicher Direktor des Museums, kann das bestätigen – zumindest teilweise. „Ich bin einmal mit ihm schwimmen gewesen – aber nicht im Winter.“ Und dann wäre da noch die Kanufahrt. Mitić setzte Leipold auf der Dahme ins Boot. Hinein ging prima. Nur das Wenden nicht. „Erzählt das bloß nicht“, sagt Leipold lachend – und erzählt es natürlich selbst. Das Publikum lacht mit. Es ist einer dieser Nachmittage, an denen Museum plötzlich überhaupt nicht nach Museum klingt.

Leipold weiß auch, woher die Energie seines Teams kommt: „Das Karl-May-Museum ist etwas Einzigartiges, was es so nicht mehr gibt in Deutschland. Es lebt Geschichte, man kann in Abenteuerwelten eintauchen.“ Und genau darum geht es an diesem Tag. Nach drei Jahren Restaurierung kehrt eine fast 100 Jahre alte Kostümfigur zurück: eine Blackfoot-Frau, geschaffen 1928 von Bildhauer Vittorio Güttner und von Wilhelm Emil „Elk“ Eber bemalt. Sie gehört mit einem Irokesenkrieger und einem Apachen zu den ersten lebensgroßen Figuren des Museums. Keine Schaufensterpuppen, sondern nach historischen Vorlagen individuell modellierte Zeugnisse ihrer Zeit.

Besonders kostbar ist ihr traditionelles Hirschlederkleid aus der Schreivogel-Sammlung. Licht, Staub und schwankende Luftfeuchtigkeit hatten das Leder spröde gemacht. Rund 15.000 Euro, maßgeblich aus Spenden, und drei Jahre Handarbeit waren nötig. Staub wurde mit Spezialgeräten und feinsten Pinseln entfernt, brüchige Stellen mit konservatorischen Materialien von innen stabilisiert. Lose Glasperlen wurden Korn für Korn gesichert, Fransen und Anhänger geordnet und befestigt. Auch der Figurenkörper musste verstärkt werden, damit das schwere Kleid nicht erneut Schaden anrichtet. Risse in der historischen Bemalung wurden behutsam retuschiert.

„Original restaurieren“ bedeutet hier gerade nicht, alles wieder neu aussehen zu lassen. Es bedeutet, möglichst viel historische Substanz zu bewahren: nicht ersetzen, wo sich retten lässt; nicht übermalen, wo eine behutsame Sicherung genügt. Die Spuren von fast einem Jahrhundert dürfen bleiben – nur der Zerfall soll gestoppt werden. Nun hat die bislang namenlose Frau auch einen Namen: Sitopanaki, „Deren Füße singen, wenn sie geht“. Der Name stammt aus Liselotte Welskopf-Henrichs „Die Söhne der Großen Bärin“. Im DEFA-Film von 1966 ist Sitopanaki die spätere Frau von Tokei-ihto – jener Rolle, mit der Mitić berühmt wurde.

Und sofort sind die Bilder wieder da. Mitić erzählt von der Szene mit einem jungen Bären. Während des Sommers habe er mit dem Tier gespielt und ihm Äpfel gegeben. Doch die eigentliche Szene wurde erst zwei Monate später gedreht. Der kleine Bär war inzwischen offenbar weniger klein. Als Mitić ihn hochheben sollte, schlug das Tier mit der Tatze nach ihm. „Ich habe gerade noch den Kopf weggedreht“, erzählt er. Statt Gesicht erwischte der Bär nur die Perücke. Der Dreh ging weiter. Abenteuerfilm eben – manchmal auch hinter der Kamera. Nach Talkrunde und Enthüllung beginnt für Mitić die eigentliche Arbeit. Vor dem Tipi zieht sich die Schlange bis hinter den Imbiss. Fotos, Bücher, DVDs und alte Bilder werden signiert, Familienfotos gemacht. Ein Satz fällt immer wieder: „Danke für die schöne Kindheit.“

Und die Geschichte ist noch nicht vorbei. Am 26. September will Gojko Mitić in Heeselicht im Polenztal eine Sandsteinstele einweihen – genau dort, wo vor 60 Jahren das Indianerdorf für „Die Söhne der Großen Bärin“ stand. Manche Filmfiguren verschwinden nach dem Abspann. Andere bleiben. Und manchmal bekommen sogar Museumsfiguren nach fast 100 Jahren noch einen Namen.

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