Radebeul muss für Pendler und Zuzügler interessanter bleiben als das Umfeld. Foto © BranczeiszRadebeul muss für Pendler und Zuzügler interessanter bleiben als das Umfeld. Foto & Text © Branczeisz

„Die Nachwendelücke war bei den Geburten gravierender als die nach dem zweiten Weltkrieg. Das muss man sich klarmachen“, sagt Ob Bert Wendsche, als er den Stadträten die Demografie-Statistik vorstellt. Besonders prägend sei gewesen, dass „junge Männer, aber gerade auch viele junge Frauen damals massenweise den Osten verlassen und woanders Kinder bekommen haben“. Die Folge: Die Geburtenzahl ist in Radebeul tatsächlich demografisch bedingt abgesackt. Zum Glück allerdings „nur“ demografisch. Andere Städte haben da ganz andere Probleme.

Nun kommt die nächste Welle. „Jetzt gehen die 1960er Jahre in den Ruhestand – die Boomer. Das ist nicht auszugleichen.“ Die Einwohnerzahlen sinken, auch in Radebeul. „Hohe Sterbezahlen sind auch nicht durch Zuzug auszugleichen.“ Ein Blick auf die Zahlen zeigt die Dynamik: 2016 wurde mit 321 Geburten der Höhepunkt erreicht. Seitdem ging die Zahl um 53,6 Prozent auf 149 zurück. Das wird noch drei bis fünf Jahre so anhalten, sagen die Statistiker.

Die Auswirkungen sind spürbar. Seit dem Maximum 2014 ist der Bedarf an Kinderbetreuung innerhalb von elf Jahren um 533 Plätze gesunken: Krippe minus 47,3 Prozent, Kita minus 21,5 Prozent. Für Wendsche ist klar: „Der Tiefpunkt ist aber erreicht.“ Aber selbst bei einer leichten Erholung bleibe die Entwicklung begrenzt: „Trotz eines Anstieges danach kommen wir bestenfalls auf 63 Prozent des Höchstwertes, nicht mehr 100 Prozent.“ Ein kleiner stabilisierender Faktor bleibt: „Da hilft es uns noch, dass kontinuierlich Kinder von 0 bis 6 Jahren herziehen. Genauso bei größeren Kindern. Das ist nicht selbstverständlich.“

Beim Vergleich mit anderen Kommunen mahnt Wendsche zur Differenzierung: „Beim Altersquotienten der Städte und Gemeinden muss man immer darauf schauen, ob eine Stadt wie Coswig besonders viel Seniorenbetreuung hat – das fließt ja dort ein.“

Entscheidend ist immer wieder: Wo zieht es die Menschen hin. Rund zwei Drittel der Zuzüge in Radebeul kommen aus Dresden. Gleichzeitig ist der größte Wegzug in die Umlandgemeinden des Landkreises Meißen zu beobachten. „Das beschreibt unsere Aufgabe der nächsten Jahre: Wir müssen attraktiv für junge Familien sein!“ Gleichzeitig bringt der Zuzug neue Anforderungen mit sich: „Es ist wichtig zu wissen, dass die Zuzügler oft mit der Gedankenwelt einer Großstadt nach Radebeul kommen.“ Deshalb gelte: „Die Marke Radebeul muss in den nächsten Jahren konsequent entwickelt werden.“

Auch auf dem Arbeitsmarkt zeigen sich die Folgen drastisch. „Arbeitskräftepotenzial mit Rentenreform: 2026 haben wir ein Verhältnis von 654 über 65-Jährige zu 18.574 unter 65. Im Jahr 2030 sind es schon 941 zu 17.705.“ Trotz Reform sinkt die Zahl der Erwerbsfähigen: Minus 4,9 Prozent – ohne Rentenreform wären es sogar minus 8,9 Prozent bezogen auf 2016. Im Vergleich zum Umland sieht sich Radebeul noch im Vorteil: „Der Landkreis verliert deutlich mehr Arbeitskräfte. Wir haben mehr Einpendler – das ist wichtig!“ Daraus ergibt sich eine klare Aufgabe: „Das müssen wir fördern, denn in den Umlandgemeinden werden auch viele Arbeitsplätze frei. Das ist wichtig für unsere Unternehmen.“ Gleichzeitig ist der Arbeitsmarkt nahezu ausgeschöpft. Die Arbeitslosenquote lag 1998 noch bei 15 Prozent, 2010 bei 8,5 Prozent und 2024 bei 3,5 Prozent. Für Wendsche bedeutet das: „Das ist nahezu Vollbeschäftigung. Da ist nicht mehr viel zu holen.“

Hinzu kommt die finanzielle Dimension. „Die Steuerkraft pro Einwohner liegt in Sachsen bei 67,2 Prozent des Bundesdurchschnitts, in Radebeul bei 75,4 Prozent.“ Die ostdeutschen Flächenländer kommen insgesamt auf 67,5 Prozent. Gleichzeitig steht der Länderfinanzausgleich vor Gericht. „Wenn man sich klarmacht, dass die Geberländer dagegen klagen und das Bundesverfassungsgericht den Prozessauftakt dieses Jahr terminiert hat, wird deutlich, was das für die Kommunen im Osten bedeutet, wenn die Gelder nicht mehr wie bisher kommen sollten.“

Sein Fazit ist eindeutig: „Dann haben wir alle ein dramatisches Problem. Der Osten fällt ohnehin gerade wieder zurück.“ Warum? Weil uns die Krise härter trifft – die Unternehmen sitzen größtenteils im Westen, der Osten war vielerorts nur „verlängerte Werkbank“ und Konsummarkt. Die Wertschöpfung wird abgeschöpft. Deshalb sind die Menschen nach der Wende abgewandert und das trifft den Osten jetzt in den Folge-Generationen.

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