Eine Gesprächsrunde, mitten im Trubel des Karl-May-Festes mit dem wissenschaftlichen Beirat der Karl-May-Stiftung, regt zum Weiterdenken an. Im Podium: Robin Leipold, wiss. Direktor des Karl-May-Museums, Prof. Andreas Brenne von der Universität Potsdam, Dr. Peter Bolz, ehem. Kurator der Nordamerika-Sammlungen des Ethnologischen Museums Berlin sowie Martin Schultz, Ethnologe mit Schwerpunkt indigene Kulturen Nordamerikas.
Robin Leipold: Wie kann man das Indianermuseum in die Zukunft führen, hat es überhaupt eine Zukunft?
Dr. Peter Bolz: Das wichtigste ist die Frage, wie kann man heute mit den Indigenen zusammenarbeiten! Sie kommen her, machen Vorführungen, das kostet alles Geld. Wenn Indianersammlungen von Indianern bearbeitet werden sollen, muss man sagen, wie das finanziert wird. Da sehe ich das große Handicap des Museums. Das ist ein sehr schmaler Grat. Die Ansprüche, die an das Museum gestellt werden vs. die Möglichkeiten, das zu realisieren.
Prof. Andreas Brenne: Ja, das ist eine große Aufgabe, aber auch eine große Chance, denn die Sammlungen sind für die Gruppen auch von enormem Interesse. Ich war jetzt in Südamerika mit einer Forschungsgruppe und aus Santa Fee kommen jetzt zwei Professoren nach Potsdam, wo ich lehre. Und einer ist indigener Kunsthistoriker, er ist mit seinen Studenten begeistert vom Karl-May-Museum.
Zuschauer: Wie sind denn die Besucherzahlen?
Robin Leipold: Die höchste Besucherzahl war 1985, zur Wiedereröffnung der Villa Shatterhand, mit knapp 400.000 Besuchern in einem Jahr! Das will ich mir heute gar nicht mehr vorstellen, was das heißt! Nach der Wende ging das runter auf 150.000, in den 2000er Jahren auf 60.000. Dann kam Corona und jetzt liegen wir bei 35.000, konstant die letzten drei Jahre. Da sind wir noch richtig gut als kleines privates Museum, wenn ich mich in der Museumslandschaft umsehe. Das schaffen manche große, staatliche Museen nicht. Aber natürlich treten wir ein Stück weit gegen eine Strömung im Zeitgeist an, seit der unseligen Indianerdebatte. Wobei unser Museum gerade deshalb ganz besondere Chancen hat: Wir haben die Phantasiewelt des Autors Karl May, der überhaupt erst einmal ein Fenster zu anderen Kulturen geöffnet hat. Was unsere indigenen Gäste immer wieder hervorheben.
Und was heißt denn, er war „ein Kind seiner Zeit“? Das ist jeder in seiner Zeit gewesen und wird es immer sein. Karl May als Person wird viel zu wenig gezeigt – ich weiß das – und das wird eine Aufgabe für die neue inhaltliche Ausrichtung der Villa Shatterhand werden. Gerade sein Spätwerk, seine Haltung zum Krieg, zu anderen Kulturen. Und wenn ich mir unsere Indianerausstellung ansehe – wir sind die letzte gezeigte große Ausstellung im deutschsprachigen Raum zu diesem Thema, die es überhaupt gibt! Andere Museen haben ihre Nordamerika-Ausstellungen abgebaut. Hier ist eine Plattform, wo Indianer aus Amerika, aus Kanada ihre Geschichten erzählen können, hier ist Forschung und eine bedeutende Sammlung. Ich vertrete schon die Ansicht, dass genau das Indianerthema gerade deshalb das zukunftsfähigste Thema ist. Natürlich ist auch die Orientsammlung bedeutend, aber das Museum ist nun mal 1928 als Karl-May-Museum mit einer Indianersammlung eröffnet worden. Klara May hat sich mit dem Sammler und späteren Direktor Patty Frank spezialisiert auf den nordamerikanischen Kontinent. Das ist der Kern des Hauses.
Zuschauer: Gibt es auch die Meinung, Karl May sollte zurückgedrängt und viel mehr zu Indianern gezeigt werden?
Robin Leipold: Es gibt schon die Strömung, „Karl May liest eh keiner mehr“ – man dürfte nur noch die Gräueltaten der Weißen zeigen und den Genozid.
Prof. Andreas Brenne: Aber Karl May ist ein interessantes Beispiel für die Perspektive der Deutschen über Indianer – die Indianer sprechen über Karl May! Auch Aktivisten. Das ist wie eine Zeitkapsel, warum sie das so spannend finden, bis heute. Die Figur lebt.
Dr. Peter Bolz: Wenn es den Karl-May-Verlag demnächst nicht mehr gibt, ist ja dieses Museum tatsächlich der letzte Ort für die Indigenen.
Robin Leipold: Ja, das ist absehbar. Das wurde ja nun hinlänglich in der Presse verkündet und es ist die Frage, was passiert dann, wenn es die grünen Bände nicht mehr gibt. Vielleicht übernimmt das ein anderer Verlag. Das sind alles Fragen. Aber ich finde die Person Karl May unabhängig davon erhaltenswert. Es ist auch ein Stück unserer Radebeuler, unserer sächsischen Kulturgeschichte – als Schriftsteller, als gelebte Indianistik, Vereine, Festspiele, Filme, mit unglaublich vielen lebendigen Facetten.
Martin Schultz: Selbst wenn es weniger Leser gibt, die Bühnenaufführungen haben einen enormen Zulauf. Das hat sich verselbständigt. Diese Figur Winnetou ist etwas typisch Deutsches, denke ich, die will niemand sterben lassen.
Prof. Andreas Brenne: Das ist so ähnlich wie mit Sherlock Holmes. Die Romanfigur ist auch allgegenwärtig, sie steht für etwas. Deshalb liest nicht jeder Arthur Conan Doyle.
Robin Leipold: Die Bühnen sind halt Show. Da knallt’s, da fliegt was in die Luft, das ist Unterhaltung. Ich hab vor Jahren in Bad Segeberg gehört, wie eine Mutter ihrem Kind erklärt hat, Karl May war hier der erste Regisseur. Das hat viel mit unserer Zeit zu tun. Wer liest heute zum Beispiel noch Ausstellungstexte? Wir haben lange gegrübelt – gekürzt und gekürzt und irgendwann mussten wir aufpassen, dass wir noch Inhalte rüberbringen. Was gut läuft, sind wiederum Erlebnisrundgänge. Die Rundgänge mit Old Shatterhand haben wir 2010 angefangen – wir haben 2026 und sie laufen immer noch sehr gut! Wie es Roland Wichmann herüberbringt, der jetzt Patty Frank spielt und sogar die Stadtführungen als Klara May gibt. Du brauchst weniger den klassischen Kurator, sondern mehr den Entertainer, der andere begeistert! Die Familienführungen mit Trapper waren nur einmal im Monat geplant – heute buchen das regelmäßig Schulklassen. Die Kinder wollen etwas erleben und diese Erlebnispädagogik hat das Karl-May-Museum schon immer gemacht! Was war das sonst, als Patty Frank den Kindern am offenen Kaminfeuer von der Prärie erzählt und Gegenstände der Indianer gezeigt hat!
Prof. Andreas Brenne: Das ist das Zentrale – Museen sind nur dann erfolgreich, wenn sie dichte Erlebnisse bieten! Wie die Grimm-Welt in Kassel, auch das ist ein gutes Beispiel.
Martin Schultz: Die indigenen Gäste könnten auch viel mehr aus ihrem heutigen Alltag vermitteln, als die Filmemacher jetzt.
Robin Leipold: Genau, deshalb haben wir die Kooperation mit dem indigenen Produktionslabel „Vision Maker Media“ begonnen, nicht nur Shows, sondern auch Gespräche zum Erhalt der Sprache, Frauenrechten oder wirtschaftlichen Projekten in Reservaten. Aber wir haben als kleines Museum weder finanziell noch personell die Möglichkeiten, dass einer zum Beispiel nach Amerika reist, dort forscht, Interviews macht usw. Ich erinnere an den indigenen November, der sehr gut angenommen wurde und den wir inhaltlich auf alle Fälle weiter gestalten.
Martin Schultz: Das Karl-May-Museum hat durch seine bedeutenden Sammlungen auch die Chance, für andere Museen internationale Strahlkraft zu entwickeln. Das Problem ist nur: Kaum einer kennt diese Schätze, die seit vielen Jahrzehnten im Depot ruhen. Sodass kaum jemand auf das Museum zukommt. Das müsste man ändern!
Robin Leipold: Ja, das ist richtig. Das hängt alles davon ab: Was können wir? Das Museum ist als privates Haus gegründet worden. Klara May war clever, hat das in ein Paket gepackt mit Stiftung für junge Schriftsteller, mit Karl-May-Verlag, der das Geld eingespielt hat, um sich das Museum leisten zu können. Mit ihrem Tod und nach 1945 ist das Konstrukt auseinandergebrochen. Nach der Wende gab es Überlegungen, wir müssten jetzt an den Freistaat Sachsen herantreten. Aber die Politik hat gesagt: „Bleibt mal schön eigenständig“. Das ging in den 1990er Jahren noch. Aber jetzt kommen wir langsam an eine Grenze. Wir müssen schauen, dass wir wirtschaftlich am Leben bleiben. Ein Museum erwirtschaftet im Durchschnitt drei Prozent der Kosten selbst – wir stemmen über 60 Prozent selbst. Deshalb brauchen wir auch den Neubau. Wir müssen wirtschaften. Nächstes Jahr steigt der Mindestlohn. Das muss man erst einmal hinkriegen – wenn ich damit fertig bin, hab ich vielleicht den Kopf frei für andere Dinge. Eigentlich müsste ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter genau das tun – Kooperationen eingehen, Connections aufbauen, forschen, konzipieren. Das ist doch gar nicht möglich. Das Museum muss auf solide Füße gestellt werden!
Dr. Peter Bolz: Ja, wenn ich das Museum der Moderne in Berlin sehe, das kostet inzwischen 500 Millionen, da wird Geld ohne Ende reingebuttert.
Robin Leipold: Ein Punkt ist tatsächlich wichtig – das Museum hat nur eine Chance, wenn die Begeisterung aus der Generation, die Karl May noch unter der Bettdecke gelesen haben, in die neuen Generationen überführt wird. Ich erzähl nur mal nur eine Begebenheit: Ich gehe in die Kita und höre, die Gruppe war im Japanischen Palais in Dresden im Damaskus-Zimmer, um den Kindern mal andere Kulturen zu zeigen. Da frage ich: Ja, warum kommt ihr denn da nicht zu uns? Und die Erzieherin staunt: Auf die Idee sind wir gar nicht gekommen. Dort liegt doch das Problem. Ich wünsche mir von den Radebeulern, dass sie diesen Ort als Teil ihrer Stadtgeschichte, ihrer Kultur begreifen. Nehmt doch dieses Geschenk an!
Dr. Peter Bolz (lachend): „Tja, die Radebeuler sind sich noch nicht einig, ob sie sich Karl Mays rühmen oder schämen sollen.“
Neubau: Das soll gezeigt werden
Foyer
Besucher betreten künftig ein großzügiges Foyer mit Museumsshop, Kasse, Garderobe und Schließfächern. Der Shop sei für das privat finanzierte Museum wirtschaftlich essenziell. Inhaltlich soll der Einstieg unter dem Motto „Die Welten von Karl May“ stehen. Im Mittelpunkt stehen der Schriftsteller, der Mensch und seine Wirkungsgeschichte. Außerdem zieht die historische Kostümfigur des Sioux-Häuptlings ins Foyer – als bewusster Blickfang. Gleichzeitig soll sie stereotype Erwartungen aufgreifen und im Rundgang kritisch brechen.
Verbindungsbau zur Villa Bärenfett
Untere Ebene
Hier entstehen Depots mit einer sichtbaren Schauwand. Gezeigt werden ethnologische Sammlungen nicht nur aus Nordamerika, sondern auch aus Asien, Südamerika und Afrika. Insgesamt besitzt das Museum mehr als 4.000 Exponate – bislang konnten nur rund 500 gezeigt werden.
Erste Etage
Geplant ist ein großer Sonderausstellungsbereich mit rund 140 Quadratmetern Fläche. Bislang standen lediglich 40 Quadratmeter zur Verfügung. Bereits jetzt gebe es Anfragen zu Ausstellungen, unter anderem zur größten Sammlung von Werken Sascha Schneiders, dem Künstlerfreund Karl Mays.
Obere Etage
Im oberen Bereich entstehen Veranstaltungsräume, Bibliothek und das sogenannte „Karl-May-Lab“. Dort sollen Forschung, Veranstaltungen und interaktive Präsentationen stattfinden. Besucher können etwa Dummy-Bücher auf digitale Tische legen und Inhalte entdecken. Im hinteren Bereich werden Büroräume eingerichtet. Zudem entstehen neue Toilettenanlagen – dadurch werden Flächen in der Villa Bärenfett frei.
Villa Bärenfett
Die historische Villa Bärenfett soll künftig stärker als Erlebnisraum funktionieren. Geplant ist eine große Sitztreppe als offener Begegnungsbereich. Dort könnten beispielsweise Waldläufer oder Darsteller als Storyteller auftreten – passend zur Erzähltradition Karl Mays. Die ursprüngliche Villa stammt aus dem Jahr 1926. 1928 wurde der erste Anbau als Ausstellung eröffnet, zehn Jahre später folgte ein weiterer Raum, in den 1970er Jahren nochmals ein Ausbau. Nun wird der Rundgang vollständig neu organisiert. Trockenbauwände und neue Durchbrüche sollen Räume öffnen und gleichzeitig das historische Blockhaus stärker sichtbar machen. Künftig wird „Indigenes Nordamerika“ als eigener Bereich präsentiert.
Die historische Villa Bärenfett mit dem Kaminzimmer widmet sich dagegen stärker Patty Frank und seiner Sammlung. Ziel sei es, die Räume wieder stärker an historischen Fotografien auszurichten. Bis etwa 2030 ein weiterer Anbau geplant, um „die letzte Ecke zu schließen“ und einen quadratischen Grundriss zu schaffen. Weitere Fördermittel seien dafür allerdings nicht zu erwarten. Die Modernisierung der Dauerausstellungen in Villa Bärenfett und Villa Shatterhand müsse deshalb weitgehend aus eigener Kraft finanziert werden.
Neue Themenwelten
Der erste neue Raum ist bereits eröffnet. Dort geht es um Handel und Pelzhandelsstationen, Alaska sowie das nordöstliche Waldland. Eine Apache-Figur bildet das Bindeglied zum Südwesten Nordamerikas. Im Raum der früheren Sonderausstellung wird künftig unter dem Titel „Indianer heute“ gezeigt – mit Themen wie Powwow-Kultur, Aktivisten, modernes Leben, Mode und Identität indigener Gemeinschaften.
Parallel laufen die Umbauten Schritt für Schritt weiter. Ab Mitte 2027 soll die Villa Shatterhand grundlegend neu konzipiert werden. Dort soll Karl Mays Orientbild ebenso stärker beleuchtet werden wie sein Spätwerk und seine pazifistischen Gedanken. Geplant ist außerdem ein Aufzug.



