Katharina Mittag, Antonia Balzer (Mitte) und Hannelore Mende. Foto © BranczeiszKatharina Mittag, Antonia Balzer (Mitte) und Hannelore Mende. Foto © Branczeisz

Radebeul. Es gibt Menschen, bei denen aus einem Zufall eine Idee wird – und aus der Idee plötzlich ein ganzer Kirchenraum voller Menschen mit Wolle auf dem Schoß. Bei Antonia Balzer war es so. 2024 war die Radebeulerin in London, besuchte dort die große Kathedrale mitten in der Stadt und entdeckte später beim Stöbern auf Instagram: Genau dort findet ein Strick-Event statt. „Das fand ich genial.“ Antonia, die in der Kirchgemeindevertretung der Lutherkirche sitzt, musste nicht lange überlegen. „Da dachte ich: Das wär’s doch!“

Gesagt, gestrickt. Inzwischen hat das besondere Treffen in Radebeul bereits zum zweiten Mal stattgefunden. Rund 90 Teilnehmer sollten kommen – am Ende wurde die Zahl locker erreicht. Die weiteste Anreise führte aus Erfurt nach Radebeul, selbst zwei Männer saßen zwischen all den Nadeln und Wollknäueln.

Unterstützung gab es erneut von Lang Yarns aus der Schweiz, über den Nadelhersteller Veno kamen zahlreiche Stricknadeln. Vor allem aber halfen viele Menschen aus dem Umfeld des Wolldepots mit. Drei feste Stricktreffs gibt es inzwischen, rund 40 Menschen kommen regelmäßig. „Der harte Kern“, wie Antonia sagt. Ihr eigenes Strickleben ist dabei herrlich unvernünftig. Drei Pullover, eine Jacke, eine Mütze und ein Tuch liegen derzeit parallel bei ihr. Neue Wolle für den Laden muss schließlich ausprobiert werden – und manchmal gefällt ihr eben spontan noch etwas. Überhaupt hält sie es mit einem Spruch aus der Szene: „Wer im Winter strickt, ist ein Amateur.“ Antonia strickt tatsächlich besonders viel im Sommer.

Die Nadeln begleiten sie seit ihrem zehnten Lebensjahr. Seit 14 Jahren arbeitet sie im Wolldepot in Radebeul-West, zunächst gemeinsam mit ihrer Mutter, seit vier Jahren führt sie das Geschäft allein. Ihr Weg dorthin war keineswegs vorgezeichnet: Antonia lernte zunächst einen kaufmännischen Beruf, studierte Soziologie und arbeitete später in einem IT-Unternehmen. Heute ist ihr Alltag ziemlich wollig. Seit zehn Jahren gibt sie einmal pro Woche Häkelunterricht an der Friedrich-Schiller-Grundschule. Zweimal jährlich trifft sie sich eine Woche lang mit Jugendlichen zum Häkelcamp. Dazu kommen Sommerfeste, Woll-„Tastings“, Messen und Wollfeste.

Dass Stricken längst nichts Verstaubtes mehr hat, sieht Antonia jeden Tag. Viele junge Frauen Anfang oder Mitte 20 kommen ins Wolldepot und viele Kinder. Soziale Medien haben der Handarbeit einen neuen Hype gegeben – es gibt sogar Strick-Influencer. Einer ist Thorsten Duit. Zweimal im Jahr kommt er nach Radebeul und gibt im Wolldepot jeweils drei Workshops für rund 20 Begeisterte. Die Plätze sind früh vergeben, der kleine Laden wird dann ausgesprochen kuschelig. Antonia, die seit Jahrzehnten selbst strickt und häkelt, sagt lachend: „Der Typ ist einfach krass – da lerne sogar ich immer etwas dazu.“

Und auch die Trends passen kaum zum alten Klischee vom biederen Strickzeug. Der kommende Winter wird flauschig und fellig. Vor allem Glitzer ist gefragt. Für Antonia hat das sogar etwas mit der Zeit zu tun: „Ich glaube, im Moment brauchen alle ein bisschen Glitzer gegen das Chaos in der Welt.“ Stricken sei eben auch ein meditativer Anker im Alltag. Stilistisch bleiben die Unterschiede groß: Skandinavische Entwürfe sind eher clean, italienische und spanische Modelle lieben Muster. Wie modern Handarbeit sein kann, zeigt einer der Herrn. Am Computer entwarf er zunächst einen Löwen, übersetzte die Grafik in seinen persönlichen Maschen-Code – und strickt daraus einen Löwen-Pullover.

Am Ende bleibt von all den Maschen aber mehr als ein schönes Kleidungsstück. Schals, Pullover, Socken, Beutel und Mützen werden gesammelt und Anfang Dezember an die Tafel Radebeul übergeben. Dort werden sie gern getragen. Für Antonia liegt genau darin vielleicht der schönste Gedanke des ganzen wolligen Lebens: „Es ist etwas Besonderes. Etwas, das jemand für dich gemacht hat – immer etwas Persönliches.“

Barrierefreiheit