Radebeul-Serkowitz. Der 30. September steht im Kalender. Ein Datum, das für Reinhard Zabka eigentlich Klarheit bedeuten müsste. Auszug. Schlüsselübergabe. Ende. Doch wenige Tage vorher ist im Lügenmuseum vor allem eines zu spüren: Ratlosigkeit.
Was passiert mit den Tausenden Objekten, die seit 2012 den alten Gasthof Serkowitz in ein sonderbares Universum zwischen Kunst, Psychedelic und Popkultur verwandelt haben? Gibt Zabka den Schlüssel tatsächlich bei Oberbürgermeister Bert Wendsche ab? Wohin zieht ein Museum, das nach eigener Darstellung 5000 bis 7000 Besucher jährlich erreicht? Zabka weiß darauf beim Pressegespräch am Freitag keine Antwort. Oder er will sie noch nicht geben.
Stattdessen gibt es einen neuen Versuch. Auf Initiative des Dresdner Architekten Andreas Ammon wurde der Verein Gasthof Serkowitz gegründet. Er soll mit der Stadt über Gebäude, Betrieb und Nutzung verhandeln. Im Raum steht erneut jene Idee, die Zabka seit Jahren verfolgt: ein Erbbaurechtsvertrag. Die Sammlung könnte der Stadt geschenkt und weiterhin öffentlich im Lügenmuseum gezeigt werden.
Es klingt zunächst erstaunlich einfach. Doch hinter der Idee stehen dieselben großen Probleme wie zuvor. Allein die Sanierungskosten beziffert die Stadt auf rund 3,5 Millionen Euro. Dazu kommt ein Kaufpreis von gut 300.000 Euro. Ob ein Verein das stemmen kann und ob zunächst eine Notsicherung des Gebäudes ausreichen würde, ist fraglich.
Zabka erzählt deshalb weniger von einem konkreten Zukunftsplan als von den vergangenen Jahren. Von drei Kaufanfragen an die Stadt, auf die es nach seiner Darstellung keine Antwort gegeben habe. Von einem vorgeschlagenen Mietkauf. Von Nutzungskonzepten und einer angebotenen Schenkung. Von Künstlern, Architekten, Bauplanern, einem Kinderpsychologen und Gewerkschaftern, die nach Lösungen gesucht hätten.
Auch die Petition mit mehr als 3000 Unterschriften, übergeben von der Radebeulerin Franziska Plessing, habe aus seiner Sicht nichts verändert. Schließlich landete der Streit um die Kündigung vor Gericht und ging bis zum Oberlandesgericht Dresden. Zabka akzeptierte die Kündigung und bekam Zeit bis Ende September.
Sein Verhältnis zur Stadt beschreibt Zabka seit Jahren als schwierig. Als er 2014 einen Kunstpreis erhielt, habe Wendsche ihn nicht einmal namentlich erwähnt, erinnert er sich. Gleichzeitig habe der Museumsverband Brandenburg immer hinter dem Lügenmuseum gestanden. In Sachsen sei es dagegen nicht als klassisches Museum betrachtet worden, der Radebeuler Oberbürgermeister habe vom „Provisorium Museum“ gesprochen. Zabka hält dagegen: „Ein Museum ist immer auf die Ewigkeit angelegt.“
Dann kam jene Episode, die er bis heute als besonders zerstörerisch beschreibt: „Prinz Rubi“. Der Investor kaufte den Gasthof und gründete eine Prinz-Rubi-Stiftung. Zabka sagt heute: „Er hat uns total ruiniert.“ Der Investor habe nicht investiert und nach Zabkas Darstellung versucht, Zugriff auf die Marke zu bekommen. „Das war kein Mäzen.“ Selbst als das Museum ein Solardach und eine Wärmepumpe finanzieren wollte, sei ihm gesagt worden, die Anlagen könne es beim Auszug in fünf Jahren wieder mitnehmen. Schließlich habe der Investor „über Nacht“ bei der Stadt abgesagt. Danach, so Zabkas Wahrnehmung, hätten sich auch Stadträte abgewandt, die zuvor noch hinter dem Museum standen.
Mehr als 50 mögliche neue Standorte habe er inzwischen besichtigt: eine ehemalige Zuckerfabrik, Schlösser, sogar eine Leichenhalle auf St. Pauli und eine Kirche in Thüringen. „Man stelle sich vor, da steht dann Lügenmuseum drüber“, sagt Zabka und schüttelt den Kopf. Mit zwei Kommunen gebe es ernsthafte Gespräche. Namen nennt er nicht.
Und Radebeul?
Zabka bleibt bei seiner Überzeugung, dass dieser Ort mehr ist als eine Ansammlung kurioser Gegenstände. „Ein Museum ist immer auf die Ewigkeit angelegt“, sagt er. Das Lügenmuseum sei für ihn ein Haus ohne Kurator, ein Raum, in dem Kunst nicht erst ausgewählt werden müsse. Besucher hätten es als Ort beschrieben, „der die Seele berührt“, als Solitär der Kunstlandschaft und als Platz, an dem etwas von der inneren Kraft der friedlichen Revolution geblieben sei.
Vielleicht erklärt das auch, warum ihm der Auszug so schwerfällt. Für Zabka geht es nicht darum, Kisten zu packen. Es geht um ein Lebenswerk, das keinen neuen Ort hat. Der 30. September kommt trotzdem. Und während die Tage im Gasthof Serkowitz heruntergezählt werden, steht zwischen Kunstwerken und Erinnerungen noch immer die entscheidende Frage im Raum: Wie zieht ein ganzes Universum aus?



