Coswig. So kann’s gehen. Urenkel Boris Wilsdorf kam nicht nur mit seiner Partnerin Melanie Höfelmann aus Berlin zur Ausstellungseröffnung „Ins Licht gerückt: Der Coswiger Otto Erhardt“ – er traf dort auch eine Cousine wieder. Ich mag solche Geschichten. Weil sie zeigen, dass Geschichte eben nicht nur in Vitrinen liegt, fein beschriftet und abgeschlossen. Manchmal steht sie plötzlich mitten im Raum, begrüßt sich, lacht miteinander und entdeckt, dass da noch Verbindungen sind, die niemand auf dem Zettel hatte.
Denn wiedergefunden haben die Coswiger mit dieser Ausstellung nicht nur Familienbande. Sie haben auch einen Mann zurückgeholt, der einst weit über Sachsen hinaus bekannt war: Otto Erhardt. Einen Fotopionier, dessen Arbeiten bis nach Frankreich und in die USA wahrgenommen wurden – und dessen Name in seiner Heimat später erstaunlich leise geworden ist. Erhardt nannte sich Fotoamateur. Heute klingt das beinahe nach Hobbykamera und Sonntagsausflug. Um 1900 bedeutete es etwas ganz anderes. Fotografen arbeiteten vor allem im Atelier. Dort entstand, was als ernsthafte Fotografie galt. Erhardt aber wollte hinaus.
Hinaus in die Elbtallandschaft. Auf Straßen und Wege. Zu den Menschen. Er fotografierte Alltag, Familien, Landschaften und sogar Tiere. Was heute selbstverständlich erscheint, war damals alles andere als gewöhnlich. Besonders fasziniert mich sein Blick. Erhardt wollte offenbar nicht einfach nur festhalten, was vor ihm stand. Mit dem aufwendigen Gummidruck schuf er Fotografien, die fast wie Zeichnungen oder Gemälde wirken. Manche seiner Porträts haben eine Ruhe, die man heute kaum noch kennt. Niemand scheint für einen schnellen Moment zu posieren. Die Menschen dürfen einfach da sein.
Und nun stehen wir mehr als ein Jahrhundert später wieder vor diesen Gesichtern. Dass dabei heute sogar bislang kaum bekannte Fotografien zu sehen sind, ist einer jener Zufälle, die fast zu schön wirken, um wahr zu sein. Museumspädagogin Annabell Rink recherchierte für die Ausstellung und suchte auch in der Kunstbibliothek Berlin nach Spuren Erhardts. Fast zeitgleich meldete sich dort Boris Wilsdorf, sein Urenkel.
In seinem Familienbesitz befinden sich noch rund 1000 Fotografien. Wilsdorf kam mit dicken Mappen nach Coswig. An einem der heißesten Tage des Sommers saßen er und Annabell Rink stundenlang zusammen, sichteten Bilder, verglichen, staunten und wählten schließlich etwa 70 Aufnahmen aus. Familienbilder, Stillleben, Landschaften, Porträts – und immer wieder Erhardts Tochter Hilde.
Plötzlich bekommt dieser längst verstorbene Fotograf wieder ein Gesicht. Nicht nur als Künstler, sondern auch als Vater, Lehrer und Coswiger. Mehr als 40 Jahre lebte Otto Erhardt hier. Er leitete die Alte Schule und machte zeitweise sogar seine Küche zur Dunkelkammer. Von Coswig aus schuf er Bilder, die international Beachtung fanden. Und trotzdem verschwand sein Name beinahe aus dem Gedächtnis der Stadt. Selbst sein Grab auf dem Coswiger Friedhof existiert heute nicht mehr.
Umso schöner ist es, dass ausgerechnet die Karrasburg ihn nun wieder ins Licht rückt. Und da schließt sich noch ein Kreis: Seit 30 Jahren gibt es hier Ausstellungen. Die allererste Ausstellung galt Otto Erhardt. Drei Jahrzehnte später ist er wieder da. Vielleicht ist diesmal aber mehr geblieben als eine Ausstellung.
Vielleicht beginnt mit diesem Abend tatsächlich eine neue Erinnerung an einen Mann, auf den Coswig durchaus stolz sein kann. Denn irgendwann stellt sich dann fast automatisch die Frage: Warum sollte dieser Name nicht auch dauerhaft im Stadtbild auftauchen? Eine Straße, ein Weg oder vielleicht ein Platz.
Und wer weiß: Vielleicht läuft man eines Tages durch Coswig, schaut auf ein Straßenschild und liest dort einen Namen, der für viel zu lange Zeit beinahe vergessen war: Otto Erhardt.
Infos zur Ausstellung
Ausstellung: „INS LICHT GERÜCKT – Der Coswiger Otto Erhardt“
Ort: Karrasburg Coswig
Besonderheit: Gezeigt werden auch Fotografien aus der Privatsammlung von Erhardts Urenkel Boris Wilsdorf.



