Radebeul. Herr Schmidt und seine Frau Inge feiern diesen Mittwoch Hochzeitstag. Zunächst nichts Ungewöhnliches. Allerdings ist es ihr 60. Hochzeitstag – Diamanthochzeit. Das erleben nicht viele Menschen gemeinsam. Ein erfülltes, turbulentes Leben liegt hinter ihnen, und sie leben es noch immer. Auch wenn es um die beiden ruhiger geworden ist. Torsten Schmidt bewirtschaftet mit 83 Jahren seinen riesigen Garten noch immer selbst. Wobei „Garten“ maßlos untertrieben ist: Mehr als elf Hektar umfasst das Grundstück. Oben am Hang thront das Hohenhaus, eines der bedeutendsten privaten Anwesen Radebeuls. Einst Bischofsgut, später Heimstatt der Puppentheatersammlung und heute auch Refugium einer Kunstsammlung, die Schmidt über Jahrzehnte zusammengetragen hat.
Vor gut einem Vierteljahrhundert folgte er dem Ruf dieses Hauses und zog von Hamburg nach Radebeul. Schmidt ist herumgekommen: Chicago, Peking, Tokio, Moskau. Nach der Wende wollte er hier an Neuanfang, Zusammenwachsen und Gerechtigkeit mitwirken. Dass ihm dabei nicht immer mit derselben Offenheit begegnet wurde, verschweigt er nicht.
Er ist herumgekommen in der Welt, Chicago, Peking, Tokio, Moskau, überall – aber er wollte hier an Neuanfang, am Zusammenwachsen, an Gerechtigkeit mitwirken. Torsten Schmidt ist 40 Jahre lang mit der Planeta verwoben. Er kommt aus der Physik und hat für Druckmaschinen Strahlungstrocknungssysteme mit Infrarot und UV-Strahlen entwickelt und geliefert mit seinem Technologieunternehmen. Die Viskosität der Druckfarbe wird so extrem schnell in Millisekunden in festen Aggregatzustand versetzt. Ist also trocken.
Blättert man mit ihm durch das alte Bau-Album, wird sichtbar, was allzu vergessen scheint: Hausschwamm, abgeplatzter Putz, eingefallene Räume, Verfall. Heute ist das Hohenhaus restauriert, Originale aus der Zeit von Marie und Gerhart Hauptmann hat er auf Auktionen zurückgeholt. Mehrere Millionen Euro haben Torsten und Inge Schmidt investiert. Vor allem aber ein Vierteljahrhundert ihres Lebens. Sie veranstalteten Lesungen und Konzerte, öffneten das Haus für Kunst und Kultur. Darüber wird heute erstaunlich selten gesprochen. Radebeul hatte mit René Kuhnt und der Villa Kolbe einen Glücksfall. Es hatte ihn auch mit den Schmidts und dem Hohenhaus.
Vielleicht erzählen zwei junge Bäume im Garten davon am besten. „Candide“ und „Constante“ heißen sie – Lauterkeit und Beständigkeit. Zwei Begriffe, die Schmidt wichtig sind.
Seit mehr als 20 Jahren versucht er, rund 5100 Quadratmeter an Mittlerer Bergstraße und Hohenhausweg behutsam zu entwickeln. Der Staatsminister sicherte ihm vor 25 Jahren zu, erzählt Torsten Schmidt, das Areal des ehemaligen Gewächshauses könne man dafür bebauen, als Wohngrundstücke. Geworden ist daraus bislang nichts. Vielleicht waren es auch leere Versprechen. Früher lagen dort Wäscheplatz und Erdbeerfelder, erinnert sich Torsten Schmidt. Zunächst waren vier Einfamilienhäuser geplant, inzwischen sind es nur noch zwei, die ganz oben stehen könnten. Den „Lückenschluss“ unmittelbar an der Mittleren Bergstraße hatte das Denkmalamt ausgeschlossen. Nun hat die Denkmalpflege ihr Ja zu einem neuen Entwurf mit zwei Wohnhäusern gegeben – ob dieses Ja auch am Mittwoch von den Radebeuler Stadträten angenommen wird – das wird man sehen. Falls ja, dürften sie dem B-Plan Nr. 115 Hohenhausweg/Mittlere Bergstraße zustimmen. Eine einfache Baugenehmigung kommt dagegen nicht infrage, sagt die Stadt. Denn die würde faktisch bedeuten, dass automatisch auch unmittelbar an der Mittleren Bergstraße Baurecht entstünde. Genau dieses komplette Zubauen, will die Stadt aber vermeiden.
Und so fällt eine Entscheidung ausgerechnet auf den Tag, an dem Torsten und Inge Schmidt 60 gemeinsame Ehejahre feiern. Es geht formal um zwei Häuser. Tatsächlich aber schwingt auch mit: die Frage, wie eine Stadt mit Menschen umgeht, die über Jahrzehnte Verantwortung für einen ihrer prägendsten Orte übernommen haben.
Torsten Schmidt denkt inzwischen darüber nach, das Hohenhaus eines Tages in eine Stiftung für Kunst, Kultur und Ethik zu überführen. „Ich liebe das Hohenhaus“, sagt er. Nach über 25 Jahren klingt das nicht wie ein Satz über Eigentum. Sondern über Verbundenheit.
UPDATE: Der Stadtrat hat für ein Bebauungsplan-Verfahren gestimmt. Das ist keine Baugenehmigung, sondern es wird zunächst ein Verfahren eingeleitet, um alle Belange zu prüfen. Neben sämtlichen Fachämtern und Behörden, gibt es auch eine erneute Bürgerbeteiligung. Geplant sind diesmal zwei, statt zunächst vier Eigenheime, die dann im oberen Teil gebaut werden könnten. Das könnte auch die Frage der Zuwegung entspannen, die an der doch recht engen Mittleren Bergstraßen von den Anwohner bislang kritisch gesehen wurde.



