Altersheim "Olga Körner" in Dresden um 1974. Foto © Erich Höhne Deutsche FotothekAltersheim "Olga Körner" in Dresden um 1974. Foto © Erich Höhne

Lange galt der Plattenbau als graue Massenware. Typisch Ost-Tristesse eben. Der Inbegriff für ein ganzes System. Zu Unrecht. Denn das Bauen mit vorgefertigten Tafeln prägte nicht nur die DDR, sondern ebenso zahlreiche Städte in Westdeutschland. Zwischen den 1960er- und 1980er-Jahren entstanden Hunderttausende Wohnungen in industrieller Bauweise – schnell, kostengünstig, standardisiert. Die neue Ausstellung „Platte Ost/West. Wohnen und Bauen in Großtafelbauweise“ im Stadtmuseum Dresden widmet sich jetzt mit einer Sonderschau dieser Architekturform umfassend und stellt die Entwicklungen in Ost und West konsequent gegenüber.

Warum setzte man auf die Platte? Nach dem Krieg fehlte Wohnraum, die Städte wuchsen, Arbeitskräfte und Material waren knapp. Industrieller Wohnungsbau versprach Effizienz, planbare Kosten und Tempo. Wohnkomplexe mit Schulen, Läden und Grünflächen sollten moderne Lebensräume schaffen. Gleichzeitig führten Monotonie, bauliche Mängel und soziale Stigmatisierung zu einem Imageproblem, das bis heute nachwirkt.

Auf rund 900 Quadratmetern beleuchtet die Schau den Wohnungsbau von den Anfängen bis in die Gegenwart. Beispiele aus Aschersleben, Berlin, Cottbus, Dortmund, Dresden, Erfurt, Gera, Halle/Saale, Hamburg, Hoyerswerda, Leipzig, Rostock, Saarbrücken, München, Neubrandenburg, Nordhausen, Plauen, Stendal, Stuttgart und Wolfsburg zeigen, wie unterschiedlich die Platte interpretiert wurde. Thematische Vertiefungen widmen sich dem Siedlungsbau, dem Alltag in den Wohnungen, baugebundener Kunst, dem Umgang mit Altstädten und der Frage, wie sich Großsiedlungen nach 1990 sozialverträglich weiterentwickelten oder auch nicht.

Besonders stark: die Perspektive der Menschen. Neu produzierte Interviews aus Dresden-Prohlis und Köln-Chorweiler geben Bewohnenden eine Stimme, Architekten berichten in Videobeiträgen von Planungsdruck und Gestaltungsspielräumen.

Die Ausstellung soll fühlbar sein. Ein Kinderheft, Mitmachstationen, Audiotracks und taktile Elemente für Blinde und Sehbehinderte öffnen neue Zugänge. Mit „Dresden Block Tetris“ von Sergej Hein wird Stadtplanung spielerisch erlebbar, die Installation „Plattenbau Vertigo“ von Annett Zinsmeister stellt Sehgewohnheiten radikal auf den Kopf.

Angesichts akuter Wohnungsnot gewinnt das serielle, modulare Bauen erneut an Bedeutung. Die Ausstellung endet daher nicht nostalgisch, sondern mit einem klaren Blick nach vorn: Hat die Platte eine Zukunft? Die Antwort fällt differenziert – und überraschend optimistisch – aus.

Stadtmuseum Dresden, Wilsdruffer Straße 2 – „Platte Ost/West“ vom 28. Februar bis 29. November

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