Winfried Tegge engagiert sich für die Steinbacher Kirche und den Moritzburger Reitverein und jetzt für die Bürgerinitiative. Foto © BranczeiszWinfried Tegge engagiert sich für die Steinbacher Kirche und den Moritzburger Reitverein und jetzt für die Bürgerinitiative "Gegenwind Steinbach". Foto © Branczeisz

Nachdem der Moritzburger Gemeinderat eine kritische Stellungnahme zu den beiden Mega-Windrädern bei Steinbach beschlossen hat, traf sich „Radebeul-aktuell“ vor Ort mit Winfried Tegge von der Bürgerinitiative „Gegenwind Steinbach“:

Rödernsche Heide, Reinersdorf, Bärwalde – überall wird derzeit über Windkraft diskutiert. Und eben auch auf dem Hirschberg. Dort sollen zwei Windkraftanlagen mit einer Gesamthöhe von jeweils 300 Metern entstehen. 200 Meter Turmhöhe, dazu Rotorblätter mit 86 Metern Länge. Damit reden wir nicht mehr über die Windräder, die viele Menschen von früher kennen. Wir reden über Industrieanlagen von einer Größenordnung, die unsere Landschaft dauerhaft verändern. Man sollte sich außerdem nichts vormachen: Windräder mit 300 Metern Höhe sind von nahezu überall sichtbar. Auch vom Moritzburger Schloss aus würden sie das Landschaftsbild prägen.

Als Windräder noch etwa 100 Meter hoch waren, galt in Sachsen die H10-Regel. Der Abstand zur Wohnbebauung sollte mindestens das Zehnfache der Anlagenhöhe betragen. Diese Regel wurde politisch wieder abgeschafft. Heute spricht kaum noch jemand darüber. Dabei müsste man bei Anlagen von 300 Metern Höhe konsequenterweise eher über H30 reden – auf jeden Fall über deutlich größere Abstände als früher. Selbst die oft genannten 1.000 Meter werden nicht zu jedem Wohnhaus eingehalten. Wer einzeln wohnt, fällt häufig aus den Regelungen heraus, weil das Haus rechtlich nicht als „geschlossene Wohnbebauung“ gilt.

Der Moritzburger Gemeinderat hat sich inzwischen intensiv mit dem Thema beschäftigt. Es ging dabei auch um die Frage, welche Argumente in die offizielle Stellungnahme aufgenommen werden sollen. Die Hoffnung war durchaus vorhanden, dass die Steinbacher Bürger ihre Einwendungen gleich schriftlich mitbringen. Genau das hat Gerald Bibas getan. Eines wurde dabei deutlich: Ein Abwinken nach dem Motto „Das ist nicht unsere Flur“ kann keine Lösung sein. Auch wenn die geplanten Anlagen auf Naunhofer Flur stehen sollen, sind die Auswirkungen regional. Schadstoffe, Schall oder Eingriffe in die Natur machen an Gemeindegrenzen nicht Halt. Das kennen wir von jedem anderen Umweltproblem genauso.

Viele Menschen sorgen sich um die Moritzburger Kleinkuppenlandschaft. Schon beim Thema Hochspannungsleitung wurden erhebliche Eingriffe in Natur und Landschaft befürchtet. Nun steht die nächste Belastung im Raum. Gleichzeitig wurden die Möglichkeiten für Bürger, sich gegen solche Projekte zu wehren, in den vergangenen Jahren immer weiter eingeschränkt.

Nicht nur die H10-Regel wurde abgeschafft. Hinzu kommen verbindliche Flächenziele für die Regionalen Planungsverbände. Diese müssen Vorranggebiete für Windkraft ausweisen. Selbst wenn zahlreiche Einwendungen eingehen und dadurch eigentlich weniger Flächen infrage kämen, bleiben die politischen Zielvorgaben bestehen. Der Eindruck bleibt, dass der Planungsprozess politische Entscheidungen absichert, statt sie offen zu diskutieren. Gerade deshalb müssen sich Bürger organisieren und ihre Stimme erheben. Denn die Gemeinde selbst kann solche Projekte letztlich kaum verhindern. Entscheidend ist am Ende häufig der Flächeneigentümer.

Nicht ohne Grund fragten Gemeinderäte nach den wirtschaftlichen Hintergründen. Wie kann es sein, fragen sie sich, dass ein Hektar Fläche, der bisher etwa 1.500 Euro Pacht pro Jahr einbringt, plötzlich über 80.000 Euro jährlich über einen Zeitraum von 20 Jahren wert sein soll? Gemeinderat Henryk Füg bezeichnete solche Dimensionen als „sittenwidrig“. Seine Sorge: Viele Projektgesellschaften verfügen lediglich über Einlagen von rund 25.000 Euro. Ob damit langfristige Verpflichtungen tatsächlich abgesichert sind, bleibt offen. Und was passiert, wenn sich die politischen Entscheidungen ändern? Dann stehen die Regionen mit den Anlagen da.

Ein weiterer Punkt ist der unmittelbare Eingriff in die Landschaft. Für ein 300 Meter hohes Windrad werden Fundamente mit ca. 5000 m³ Stahl und Beton benötigt. Hinzu kommen Zufahrtsstraßen, Kranstellflächen und technische Infrastruktur. Die Fundamente bleiben im Waldboden, auf Äckern und auf Wiesen. Die Frage ist doch berechtigt: Soll das wirklich keine langfristigen Auswirkungen haben? Denn genau das passiert an vielen Standorten.

Hinzu kommen Themen, die aus meiner Sicht viel zu selten öffentlich diskutiert werden, die ganz bewusst unterm Radar bleiben. Infraschall ebenso wie die sogenannten PFAS-Chemikalien. Diese „Ewigkeitschemikalien“ werden unter anderem in Rotorblattbeschichtungen, Kabelisolierungen, Schmierstoffen und Dichtungen eingesetzt. Kritiker wissen, dass durch den Abrieb Böden und Gewässer belastet werden. Ein Labor aus Rheinland-Pfalz untersuchte beispielsweise 60 Proben von Wildschweinen. Die Lebern des Schalenwilds überschritten seit Januar 2023 den gültigen EU-Grenzwert von Per- und polyfluorierende Alkylsubstanzen (PFAS).  Auf europäischer Ebene bereits über mögliche Verbote und Alternativen diskutiert. Die Frage bleibt: Was bedeutet das langfristig für Landwirte, Jäger oder Fischwirte?

Hinzu kommt die Diskussion über Schwefelhexafluorid (SF6), das in elektrischen Schaltanlagen verwendet wird, um Funkenbildung zu verhindern. Kritiker weisen darauf hin, dass dieses Gas hochgiftig ist. Bei Bränden oder technischen Defekten wird deshalb immer wieder über mögliche Risiken diskutiert.

Vielen ist auch nicht klar, dass wir hier über die Frage des Lärms sprechen: Wenn die Rotorblätter am Turm vorbeiziehen, entstehen enorme monotone Geräusche durch die Luftströmung an den großen glatten Flächen.

Auch die Rohstofffrage verdient einen genaueren Blick. Für ein einzelnes Windrad werden in der Regel 15 bis 40 Kubikmeter Balsaholz benötigt. Das entspricht etwa fünf bis sechs Kubikmetern pro Rotorblatt. Je nach Bauweise steckt in einer Anlage das Holz von rund 40 bis 150 Bäumen. Ein großer Teil stammt aus Ecuador. Das benötigte Kupfer wird unter ärmlichsten Bedingungen in Chile gefördert und über weite Strecken transportiert. Am Ende betrachten wir häufig nur das fertige Windrad vor Ort und blenden die gesamte Lieferkette aus. Dabei gilt ein einfacher Grundsatz: Es gibt keine Energie aus dem Nichts. Jede Form der Energiegewinnung hat Auswirkungen auf Natur, Landschaft und Ressourcen. Deshalb muss die Diskussion ehrlich und vollständig geführt werden.

Dazu kommt der notwendige Netzausbau, der oft vergessen wird. Windkraft besteht eben nicht nur aus dem Windrad selbst. Es braucht Verteilstationen, Umspannwerke und Leitungen. Je nach Berechnung werden etwa 7.000, manche sagen sogar 10.000 Windräder benötigt, um die Leistung eines Kernkraftwerks zu ersetzen. Entsprechend wächst auch die Länge der notwendigen Stromtrassen, um das alles zu vernetzten. Das bedeutet weitere Eingriffe in die Landschaft und eine zunehmende Zersiedlung.

Die Argumente aus Moritzburg sind inzwischen klar formuliert: Es geht darum, eine weitere Industrialisierung der einzigartigen Kulturlandschaft „Moritzburger Kleinkuppenlandschaft“ zu verhindern. Denn wo einmal Industrieanlagen stehen, werden diese später oft als Argument für weitere technische Anlagen genutzt und können planerisch nicht mehr entkräftet werden. Aktuell können Bürger noch Einwendungen beim Regionalen Planungsverband einreichen. Ist ein Gebiet erst einmal als Vorranggebiet ausgewiesen, gibt es später keine weitere öffentliche Anhörung mehr. Deshalb ist jetzt der Zeitpunkt, sich einzubringen.

Ich selbst bin Diplom-Ingenieur, habe in der Logistik und Medizintechnik gearbeitet, unter anderem an der Universitätsklinik Dresden technische Anlagen betreut und mich mit Strahlenschutz beschäftigt. Die vergangenen 25 Jahre war ich bei Philips in den Niederlanden tätig und habe MRT-Technik für Krankenhäuser begleitet. Hochfrequenztechnik und technische Infrastruktur gehören seit Jahrzehnten zu meinem Berufsleben.

Deshalb unterstütze ich auch den sächsischen Volksantrag für ein Windkraftmoratorium. Die Initiative fordert einen befristeten Ausbaustopp für Windparks bis Ende 2027, die Aussetzung neuer Genehmigungen, mehr kommunale Planungshoheit, neue Flächen nur mit einer Zweidrittelmehrheit vor Ort sowie einen stärkeren Schutz von Wohnbebauung, Natur und Landschaft. Kommen mindestens 40.000 gültige Unterschriften zusammen, muss sich der Sächsische Landtag mit dem Gesetzentwurf befassen und darüber abstimmen.

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