Coswig. Manchmal beginnt eine Wiederentdeckung nicht im Archiv, sondern mit einer Nachricht, die niemand erwartet hat. Genau das ist der Karrasburg Coswig wenige Wochen vor ihrer neuen Ausstellung über Otto Erhardt passiert. Plötzlich meldete sich Boris Wilsdorf aus Berlin – der Urenkel des Fotografen. Und mit ihm tauchte ein bislang kaum bekannter Teil des fotografischen Familienerbes wieder auf.
Die Geschichte entwickelte sich erst im Juni. Museumspädagogin Annabell Rink hatte für die Ausstellung „Ins Licht gerückt – Der Coswiger Otto Erhardt“ intensiv recherchiert und dabei auch in der Kunstbibliothek Berlin nach Spuren des Fotografen gesucht. Fast zeitgleich wandte sich dort Boris Wilsdorf an die Einrichtung. Sein Familiennachlass umfasst noch rund 1000 Fotografien Erhardts. Durch Rinks Recherchen erfuhr er von Coswig und davon, dass die Karrasburg den Künstler neu ins öffentliche Bewusstsein holen will.
Wilsdorf ist der Enkel von Erhardts Tochter Hilde. Sie hatte nur einen leiblichen Sohn, Till Wilsdorf. So gelangte offenbar ein bedeutender Teil des fotografischen Nachlasses innerhalb der Familie schließlich zu Boris Wilsdorf. Der kam kurzerhand mit dicken Mappen aus Berlin nach Coswig. An einem der heißesten Tage des Sommers saßen Rink und Erhardts Urenkel stundenlang zusammen und sahen Fotografien durch. Etwa 70 Aufnahmen wählten sie aus. Nun hat Wilsdorf auch sein Einverständnis gegeben, dass Arbeiten aus seiner privaten Sammlung in der Karrasburg gezeigt werden dürfen. Für das Museum ist das weit mehr als eine schöne Ergänzung. Einige dieser Bilder könnten künftig sogar für die eigene Sammlung angekauft werden.
Besonders wertvoll sind die Fotografien deshalb, weil sie Lücken schließen. Zu sehen sind Familienaufnahmen, immer wieder Tochter Hilde, aber auch Stillleben mit einer erstaunlichen Liebe zum Detail. Erhardts Porträts besitzen eine Ruhe und Intensität, die aus heutiger Sicht fast ungewohnt wirken. Menschen erscheinen nicht inszeniert für einen schnellen Moment, sondern mit Persönlichkeit, Zeit und Geschichte. Dabei war Otto Erhardt um 1900 keineswegs ein unbekannter Provinzfotograf. Der Zeichenlehrer lebte mehr als 40 Jahre in Coswig, leitete die Alte Schule und machte aus seiner Küche zeitweise eine Dunkelkammer. Mit dem anspruchsvollen Gummidruck schuf er Fotografien, die eher wie Zeichnungen oder Gemälde wirkten. Seine Landschaften, Straßenszenen und Porträts wurden ausgezeichnet, in Fachzeitschriften veröffentlicht und bis nach Frankreich und in die USA wahrgenommen.
Umso erstaunlicher ist, wie sehr sein Name später aus Coswig verschwand. Selbst sein Grab auf dem Coswiger Friedhof existiert heute nicht mehr. Nun kehrt Erhardt zumindest mit seinen Bildern zurück – und plötzlich sogar mit Fotografien, die über Generationen in der Familie bewahrt wurden. Damit wird die Ausstellung zu mehr als einem Blick auf einen Fotografen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Sie erzählt auch davon, wie reich die Kulturgeschichte des Elblandes war – und wie unverhofft sie manchmal direkt vor der eigenen Haustür wieder auftaucht.
Infos zur Ausstellung
Ausstellung: „INS LICHT GERÜCKT – Der Coswiger Otto Erhardt“
Eröffnung: 28. August, 19 Uhr
Ausstellungsstart: ab 29. August
Ort: Karrasburg Coswig
Besonderheit: Gezeigt werden auch Fotografien aus der Privatsammlung von Erhardts Urenkel Boris Wilsdorf.


