An manchen Morgen reicht Rebeccas Kraft kaum für den Weg vom Bett ins Bad. Ein Schub hat begonnen. Was jetzt hilft: Ruhe, Medikamente und ein Arzt, der ihre Krankengeschichte kennt. Was nicht hilft: eine Fahrt durch die Stadt und ein volles Wartezimmer zwischen hustenden Menschen. Rebecca Fakundiny ist chronisch krank. Wenn sie über die telefonische Krankschreibung spricht, sagt sie oft „wir“. Nicht alle Betroffenen haben dieselben Beschwerden. Aber viele kennen diesen absurden Moment: Der Körper verlangt Ruhe, während die Bürokratie einen Arztbesuch fordert. Für Rebecca ist die telefonische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung keine bequeme Abkürzung. Sie ermöglicht ihr, trotz ihrer Erkrankung dauerhaft zu arbeiten. Fällt sie weg, kann aus einem einzelnen Krankheitstag schnell eine Woche werden.
Gegen eine Bescheinigung ab dem ersten Fehltag hat Rebecca nichts. Entscheidend ist der Weg dorthin. Kennt der behandelnde Arzt die Erkrankung und kann den Zustand telefonisch einschätzen, sollte niemand nur für ein Dokument in die Praxis müssen. Ein Freifahrtschein ist das nicht. Die telefonische Krankschreibung gilt höchstens fünf Kalendertage und kann nicht telefonisch verlängert werden. Der Arzt entscheidet, ob die Beschwerden auf diesem Weg ausreichend beurteilt werden können. Eine chronische Erkrankung schließt das nicht automatisch aus.
Für Rebecca ist eine Arztpraxis zudem kein neutraler Ort. Medikamente können ihr Immunsystem schwächen. Ein schniefender Sitznachbar ist dann mehr als lästig. Bevor unnötige Praxisbesuche vermieden werden konnten, musste sie wegen Infekten regelmäßig ins Krankenhaus. Heute passiert das seltener. Die vermeintlich bequemere Lösung kann also dazu führen, dass Menschen schneller wieder arbeiten. Wer einen Schub zu Hause abfangen kann, fällt vielleicht nur einen Tag aus. Wer sich zum Arzt schleppt, riskiert eine Verschlechterung. Andere warten zu lange, weil ihnen die Kraft für den Termin fehlt.
Videosprechstunden lösen das Problem nur teilweise. Nicht jede Praxis bietet sie an. Fremde Teleärzte kennen weder den Verlauf noch die Warnzeichen. Rebecca möchte ihre medizinische Biografie nicht bei jedem Schub einem neuen Gesicht auf dem Bildschirm erklären. Schon gar nicht an Tagen, an denen selbst Sprechen anstrengend ist. Auch eine nachträgliche Krankschreibung kostet Kraft: neuer Termin, weitere Fehlzeit, manchmal eine Begleitperson. Bürokratie ist besonders schwer, wenn Duschen bereits als Tagesprojekt durchgeht. „Vor Corona ging es doch auch“, hört Rebecca oft. Ja. Nur schlechter. Die telefonische Krankschreibung macht sie nicht gesünder. Sie verhindert aber, dass ein schlechter Tag sie dauerhaft aus dem Arbeitsleben drängt.



